- Oliver Schwarz.
EUROPA AKTUELL![]() Die Deutsche Delle Als kürzlich der deutsche Bundeskanzler mit dem Kommissionspräsidenten Romano Prodi zu Abend speiste, dürfte es den beiden Herrschaften an Gesprächsstoff nicht gemangelt haben. Denn zuvor hatte Gerhard Schröder, der im September gerne wieder gewählt werden möchte, Brüssel vorgeworfen, man betreibe in der EU-Kommission eine deutschlandfeindliche Politik. Die Liste der Ärgernisse war lang: Wettbewerbskommissar Mario Montis Pläne zur Reform des Automobilvertriebes, Umweltkommissarin Margot Wallströms Pläne zur Einführung eines europaweiten Emissionshandels, ihre Pläne einer EU-weiten Umwelthaftung, ihr geplantes Chemieweißbuch sowie Binnenmarktkommissar Frits Bolkesteins Übernahmerichtlinie - all diese Projekte liefen deutschen Interessen zuwider. Der Kanzler zeigte sich als Oberlobbyist Deutschlands in Brüssel. Dabei könnte sich Gerhard Schröder derartige Tischreden sparen, wenn Deutschland eine vernünftige Personalpolitik in Brüssel betreiben würde. Wie der Hase zu laufen hat, zeigen seit jeher Frankreich und Großbritannien. Dort werden qualifizierte Nachwuchskräfte gezielt aufgebaut und auf strategisch wichtigen Positionen untergebracht - ohne dabei natürlich jemals zu vergessen, woher sie gekommen sind. So arbeiten im Bereich Finanzdienstleistungen unter der Ägide des Generaldirektors John F. Mogg beinahe nur noch Briten, die bei ihrer Tätigkeit die einschlägigen Interessen des Finanzplatzes London entsprechend zu berücksichtigen wissen. Besonders geschickt gelingt es jedoch den Franzosen, Struktur und Aufbau der Kommission personalpolitisch für sich zu nutzen (siehe Tabelle). Kein Wunder, schließlich stand ihr Verwaltungssystem einst Pate bei Gründung der "Hohen Behörde".
Experten sehen die "Deutsche Delle" mit besorgter Miene. Der "Tönissteiner Kreis", ein Verbund aus Wissenschaft, Wirtschaft und Politik, hat sich daher für eine "Neuausrichtung im Sinne einer umfassenden deutschen Personalpolitik mit langem Atem" ausgesprochen. So soll eine angemessene Berücksichtigung deutscher Besonderheiten in Rechts-, Wirtschafts- und Gesellschaftsfragen bei der Kommission gesichert werden. Zwar liegen die gröbsten Fehler und Versäumnisse der deutschen Personalpolitik bereits Jahre zurück und es wurden in Teilbereichen bereits erste Fortschritte erzielt, doch die Zeit wird angesichts der Osterweiterung knapp: So sieht Horst Reichenbach, Generaldirektor für Personal und Verwaltung, in den nächsten zwei bis zweieinhalb Jahren Deutschlands letzte Gelegenheit, einen "tiefen Schluck aus der Pulle" zu nehmen. Die Aufnahme neuer Mitglieder in die EU wird nämlich zwangsläufig zu einer Reduzierung des Personalanteils der alten Mitgliedsstaaten führen. Der europäische Tanker könnte somit schon bald ganz ohne deutschen Einfluss in internationalen Gewässern kreuzen und Schröder so des Öfteren am Tische des Kapitäns zu speisen haben. Weder des Kanzlers Taille noch der Deutschen Interessen würde dies auf Dauer gut bekommen.
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