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EUROPA AKTUELL

  • Kristina Guth

Vom Acker in den Tank
Chancen durch Biokraftstoffe

Alle reden vom Klima: Wissenschaftler, Medienvertreter, Umweltschützer und Politiker warnen vor den möglichen Folgen der Klimaveränderung. Viele fordern mittlerweile die Emission von Treibhausengasen - insbesondere die Kohlendioxidemission - drastisch zu verringern, um der globalen Erwärmung entgegenzuwirken.

Mittlerweile 127 Staaten haben das wichtigste internationale Klimaabkommen, das Kyoto-Protokoll, ratifiziert. Darin verpflichten sich die Industrieländer eine individuelle Emissionsgrenze nicht zu überschreiten. Doch vor allem der Bereich Verkehr bereitet Sorgen. Laut einem UN-Zwischenbericht von 2008 ist in dem Zeitraum von 1990 bis 2006 der Ausstoß von Treibhausgasen in den teilnehmenden Ländern um 15,8 % gestiegen. Sorgenkind der Klimaschützer ist das Kohlendioxid, welches bei der Verbrennung von Benzin und Diesel entsteht. In der Atmosphäre bewirkt es nach Meinung der Experten einen Anstieg der durchschnittlichen Jahrestemperatur, die Klimaerwärmung.

Die Erdgas- und Erdölvorkommen können den steigenden globalen Energiebedarf nicht decken. Sorgen bereitet der Europäischen Union auch die Abhängikeit von wenigen erdöl- oder erdgasexportierenden Staaten. Der steigende Ölpreis und die zunehmenden CO2-Emissionen gaben den Anstoß für eine intensivere Forschung an alternativen Treibstoffen. Ein Baustein in diesem Puzzle sind die so genannten Biokraftstoffe. Der Oberbegriff umfasst alle flüssigen oder gasförmigen Kraftstoffe, die aus Biomasse hergestellt werden. Die Vorsilbe bio deutet in diesem Fall nicht auf den ökologischen Anbau des Produkts hin, sondern bezieht sich auf das Ursprungsmaterial Biomasse.

Ein Vorteil der Biokraftstoffe ist die Kohlendioxidneutralität. Das bei der Verbrennung erzeugte Kohlendioxid hat die Pflanze zuvor in ihrem Wachstumsprozess aus der Luft aufgenommen. Eine umstrittene Charakterisiserung der Biokraftstoffe, denn vollkommen neutral ist die CO2-Bilanz nicht. Auch bei der energieaufwendigen Herstellung von Biokraftstoffen entsteht Kohlendioxid.

Zu den Biokraftstoffen zählen unter anderem Biodiesel, Biogas und Bioethanol. Gewonnen werden sie aus einer Vielzahl von Pflanzen, darunter Raps, Zuckerrohr, Mais und anderen Getreidesorten. Bislang finden nur die Zucker und Öle der Pflanze - und somit nur ein kleiner Anteil der Biomasse - Verwendung. Man bezeichnet die so produzierten Kraftstoffe auch als Biokraftstoffe der 1. Generation. Im Unterschied dazu sollen bei Biokraftstoffen der 2. Generation zusätzlich die Hauptbestandteile der Zellwände, Zellulose und Lignin, als Rohstoffquellen dienen. Ziel ist außerdem, vermehrt organische Abfälle statt Nutzpflanzen zu verwenden. Nach Ansicht von Experten sind noch mindestens zehn Jahre Forschung notwendig, bis Biokraftstoffe der 2. Generation im industriellen Maßstab produziert werden können.

Geringe Nutzung in derEU

In der Europäischen Union machen Biokraftstoffe nach Aussagen derEU-Kommission weniger als 2 % der heute genutzten Treibstoffe aus. Die Förderung nachwachsender Treibstoffe ist deshalb Ziel von Forschung und Politik. Ehrgeizig sind die Pläne der Europäischen Kommission. Sie möchteden Anteil von Biokraftstoffen bis 2020 auf 10 % steigern. Gleichzeitig soll die biologische Vielfalt erhalten bleiben und die Herstellung biologischer Kraftstoffe nicht auf Kosten der Nahrungsmittelproduktion stattfinden.

Die Mitgliedsstaaten der Europäischen Union haben in der Vergangenheit wiederholt eine Vorreiterposition in Sachen Umweltschutz eingenommen. Maßnahmen gegen den Klimawandel stehen hoch im Kurs. Dazu zählt auch die Förderung von Biokraftstoffen. Die Kommission stellt zu diesem Zweck in ihrem 7. Forschungsrahmenprogramm für den Zeitraum von 2007 bis 2013 einen mit 237 Millionen Euro gefüllten Fördertopf zur Verfügung. Weitere 57 Millionen Euro hat die Europäische Union im September 2008 für die Entwicklung von Bioraffinerien ausgewiesen. Diese dienen dazu aus Biomasse Strom, Wärme oder Kraftstoffe zu gewinnen.

Zu den geförderten Projekten im 7. Forschungsrahmenprogramm gehört NILE. Die Abkürzung steht für „New Improvements for Lignocellulosic Ethanol“. Der Fokus des Projekts liegt auf der Entwicklung von Biokraftstoffen der 2. Generation aus Zellulose und Lignin. Auf Ihrer Internetseite betonen die Projektteilnehmer die hohe Bedeutung einer kosteneffektiven Produktionsweise. Das auf vier Jahre angelegte Programm endet im September 2009. 12,8 Millionen Euro betragen die Gesamtprojektmittel, von denen die Europäische Union 7,7 Millionen Euro übernimmt.

Auch die European Biofuels Technology Platform erhält Fördergelder derEU-Kommission. Aufgabe dieser Plattform ist es, eine gemeinsame europäische Strategie für Forschungsschwerpunkte im Bereich Biokraftstoffe zu entwickeln. Ins Leben gerufen wurde die Plattform 2006 von der Europäischen Kommission. Vertreter der Industrie übernehmen die Leitung der Plattform. In Arbeitsgruppen tauschen sich Wirtschaftsvertreter und Wissenschaftler über Konzepte für die Weiterentwicklung von Biokraftstoffen aus. Mit Geldern aus dem 6. Forschungsrahmenprogramm übernimmt die Europäische Union Anteile der Sekretariatskosten der Plattform. Gemeinsam mit der Swedish Energy Agency betreibt die von der deutschen Bundesregierung initiierte “Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe„ das Sekretariat.

Biokraftstoffe kontra Nahrungsmittel

Die Forschung im Bereich Biokraftstoffe steht noch am Anfang. Probleme beim Erreichen der 10 %-Grenze an Biotreibstoffen gibt es an verschiedenen Fronten: Die Produktion ist im Vergleich zu konventionellen Kraftstoffen noch deutlich teurer . Da nicht genügend Ackerland für Grundnahrungsmittel und Pflanzen für die Kraftstoffherstellung zur Verfügung steht, steigen die Lebensmittelpreise - eine Katastrophe für viele Entwicklungsländer. Steigende Lebensmittelpreise behindern außerdem eine größere Akzeptanz von Biokraftstoffen in der Bevölkerung.

Aufgrund fehlender Anbauflächen wäre Europa zudem abhängig von Rohstoffimporten aus Schwellen- und Entwicklungsländern. Eine Vorreiterrolle in Sachen Biokraftstoffe nimmt Brasilien ein. Die brasilianische Regierung und Wirtschaftsvertreter propagieren offensiv die Nutzung ihres Zuckerrohrs zur Kraftstoffherstellung. Damit die europäischen Staaten sich nicht in zu große Abhängigkeit zu ihren Lieferstaaten begeben, ist eine effektivere Nutzung der in den Mitgliedstaaten angebauten Pflanzen unvermeidlich.

Biokraftstoffe sind nicht alternativlos. Der Verkehrsclub Deutschland weist wie andere Umweltverbände darauf hin, dass weniger Treibstoffverbrauch oberste Priorität haben sollte. Auch an Elektroautos und Wasserstoff als sauberem Kraftstoff wird geforscht. Welches Antriebsmittel letztendlich für Klima, Umwelt und Bevölkerung am verträglichsten ist, lässt sich erst nach weiteren Untersuchungen abschätzen.

Veröffentlicht am 25.2.2009

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