EUROPA AKTUELL
"Durch regenerative Energien können EU-Mitgliedsländer Arbeitsplätze schaffen"
Der mit mehreren internationalen Preisen ausgezeichnete Aachener Solar-Unternehmer Dr. Ing. Ahmet Lokurlu hat Sonnenkollektoren mit einem besonders hohen Wirkungsgrad entwickelt, die die Hitze der Sonne auch zum Kühlen nutzen, z.B. für Klimatisierung. Der in der Türkei geborene Lokurlu gründete 1999 in Aachen die Solar-Firma Solitem und zwei Tochterfirmen in der Türkei.
europa-digital: Die Europäische Union ist von ihrem Ziel den Ausstoß von klimaschädlichen Gasen bis 2012 entsprechend dem Kyoto-Protokoll um 12 Prozent zu reduzieren, noch weit entfernt. Von 1990 bis 2003 nahmen die Emissionen nur um 1,3 Prozent ab. Was sollte unternommen werden, um angesichts zunehmender Dürren oder Hochwasserschäden in der EU einen wirksameren Klimaschutz voranzubringen?
Dr. Ahmet Lokurlu
Dr. Ahmet Lokurlu: Es gibt verschiedene Instrumente dieses Problem in den Griff zu bekommen. Energieeinsparung ist die kostengünstigste Möglichkeit, das Potential beträgt hier bis zu 30 Prozent. Darüber hinaus sollte man eine möglichst effiziente Nutzung der konventionellen Energieumwandlung vorantreiben. Andererseits sollte man regenerative Energien, wie Sonne, Wind oder Biomasse möglichst schnell in den jeweils sinnvollen Bereichen einsetzen. Mit diesen Optionen kann man viel mehr Schadstoffe reduzieren als vorgesehen.
europa-digital: Welchen Beitrag kann die Erzeugung von Wärme und Kälte durch erneuerbare Energien für einen verbesserten Klimaschutz leisten?
Ahmet Lokurlu: Tatsache ist, in südlichen Ländern wird allein in den Sommermonaten 40 bis 50 Prozent des Stromverbrauchs allein für die Kältebereitstellung benötigt. Hier könnte man einen beträchtlichen Anteil dieser Kälte durch regenerative Energien, wie die Sonnenenergie, bereitstellen. In konventionellen Kraftwerken wird Strom durchschnittlich mit nur ca. 30 Prozent Wirkungsgrad erzeugt und daraus Kälte bereitgestellt, was einen sehr hohen Schadstoffausstoß verursacht.
Durch die Nutzung bereits entwickelter regenerativer Quellen kann dies vermieden werden. In Ländern mit weniger Sonneneinstrahlung wird diese Technik für die Wärmebereitstellung genutzt, das Potential ist erheblich. Mit dieser Vorgehensweise kann man ohne Verzicht auf Komfort sowohl Kühlen als auch Heizen. Die Kosten sind nicht erheblich teurer als konventionelle Anlagen mit Nebenkosten.
europa-digital: Sollten in Brüssel und den EU-Mitgliedsländern mehr Anreize für die solare Erzeugung von Heiz- und Kühlenergie geschaffen werden?
Ahmet Lokurlu: Ganz im eigenen Sinne sollten EU-Mitgliedsländer versuchen ihre eigene Kälte- bzw. Wärmebereitstellung durch regenerative Energien vorantreiben, um einerseits ihre Energieausgaben zu reduzieren und andererseits ihre eigene Systeme zu entwickeln und diese auch zu exportieren, und somit, als gewünschter Nebeneffekt, in der EU Arbeitsplätze schaffen.
europa-digital: In jüngster Zeit fordern einige Industrieverbände und die Energiewirtschaft mit dem Hinweis auf die Standortsicherung ein Absenken der Umweltstandards und eine Kürzung von Subventionen für erneuerbare Energien in Europa. Machen Ihnen als Solarunternehmer solche Diskussionen Sorgen?
Ahmet Lokurlu: Nicht wirklich. Am Beispiel Deutschland kann jeder erkennen, dass die Entwicklung neuer Techniken neben der Reduzierung der Energiekosten bedeutende Exportchancen bringen und dadurch Arbeitsplätze geschaffen werden. Steigende Energiekosten werden von selbst dafür sorgen, dass sich auf die Dauer wirtschaftlich rechnende Systeme herauskristallisieren. Je wirkungsvoller sinnvolle erneuerbare Energie unterstützt wird, desto kräftiger und schneller kann sie wachsen.
Wenn Förderungen zu schnell abgewürgt werden, kann dem zarten Pflänzchen regenerative Energie Nährboden entzogen werden. Das eine oder andere System wird dann möglicherweise verschwinden, die sich wirtschaftlich rechnenden werden mit Sicherheit auch so überleben, es ist nur eine Frage der Zeit. Und was die Umwelt anbelangt: Jeder, der heute in Ländern wie China, Thailand oder Indien unterwegs ist, erfährt am eigenen Leib die atemnehmende Luftverschmutzung und ist dankbar, wenn er nach Hause kommt und dort für ihn und seine Familie eine einigermaßen gesunde Luft zum Atmen und klares, gesundes Wasser vorfindet.
europa-digital: Wie entwickelt sich die Nachfrage nach Ihren solaren Kühlsystemen und in welchen Ländern wollen Sie Kooperationen ausbauen?
Ahmet Lokurlu: Nachdem wir unser solares Kühlungssystem soweit entwickelt haben, kommen weltweit Anfragen von Panama bis Australien herein, wo der Einsatz dieser Technik Mehrwert schafft. Wir sind dabei in einigen mediterranen Ländern Kooperationen aufzubauen und auch in anderen sonnenreichen Ländern erste Infrastrukturen für die Zukunft zu schaffen.
Das Interview führte Hans-Christoph Neidlein.
Veröffentlicht am 10.1.2006
Service zum Artikel
Links innerhalb europa-digital
- EU-Politikfeld: Umweltpolitik
- EU-Dossier: Der Weltgipfel 2002 in Johannesburg
Links ins Internet
- Die Europäische Vereinigung für erneuerbare Energien e.V. .
- EU-Kommission: Umwelt .
- EU-Kommission - GD Umwelt: Action on Climate Change post 2012 (en).
- WWF: Expected US-brokered deal is no Kyoto alternative, says WWF (englisch).
- Homepage der Firma Solitem. Gesellschaft für Planung, Projektierung und Errichtung von Energie- und Umweltanlagen.
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EU-ENERGIEPOLITIK
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