EUROPA AKTUELL
Notizen aus Slowenien vom 26. April bis 1. Mai
Von Graz aus kommend, ist es nur eine Zugstunde in die slowenische Steiermark, nach Maribor.
Die Sonne zeigt ihre beste Seite, die Straßencafés sind voll besetzt, und die Menschen haben es
eilig. In nur wenigen Tagen gibt es das Trennende zwischen der EU und Slowenien nicht mehr.
Die Erweiterungswoche in Slowenien ist im ganzen Land mit viel Enthusiasmus angefüllt,
wenngleich auch manche Intellektuelle und auch Studenten ihren gewohnten Pragmatismus an
den Tag legten. Der Mariborer Verlagschef Orlando Ursic ist skeptisch zurückhaltend: "Wir
sind nicht sicher, wohin wir gehen. Jeder ist geblendet. Aber jeder braucht die EU auch.
Es gibt viele Kompromisse für unseren kleinen Staat, den wir erst seit 13 Jahren haben."
Es habe eine starke Propaganda vom Staat für den EU- und NATO-Beitritt gegeben, aber nicht
jeder war einverstanden. "Vielleicht ist die EU etwas zu früh für uns."
Auch an der italienisch-slowenischen Grenze treffe ich auf abwartende Zurückhaltung. Die alten
Geschichten von Partisanen und dem blutigen Ende der Isonzo-Front während es 1. Weltkriegs
hallen noch nach. Die Einheimischen schreiben ihr eigenes Kapitel, die Politiker verstehen
diese Sprache nicht immer. So wurde Romano Prodis Besuch an historischen Stätten
eher als Provokation angesehen, denn als Zeichen für eine neue, vollständige Annäherung.
Der Student Tomas bezeichnet es so: "Das wäre so, als würde der deutsche Außenminister
kurz vor dem EU-Beitritt Auschwitz besuchen".
Auch dass am letzten Apriltag im slowenischen Fernsehen ein neues Plakat von Tito in der
italienischen Grenzstadt Görz gezeigt wurde, ist für viele ein Beleg für den unsensiblen
Umgang mit der Historie. Der an der slowenischen Adria in Izola lebende Bosnier Saso meint: "Die
Grenzen werden sich zwar ändern, aber nicht die Denkweise." Der Spruch "Triest, Gorica -
unser Recht" - sagt fast schon alles über die slowenische Befindlichkeit.
Nicht alle bedeutenden italienischen Politiker sind am Vorabend des 1. Mai in Gorica
anwesend, obwohl dort die größten Feierlichkeiten stattfinden. Ein bitterer Beigeschmack
bleibt an dieser symbolischen Stadt haften...
Betrachtet man die kroatisch-slowenischen Grenzgeschichten, sieht es ähnlich aus. Wie gerne
würde Kroatien wie Slowenien in die EU eintreten. Und wie gespalten ist das Volk
selbst, wenn es um seine Identitiätsfindung ringt. Die kroatische Studentin slowenischer
Herkunft, Darja, nennt ein Beispiel: "Als Slowenien jetzt seine Zollhäuschen an
der Grenze aufstellte, hatte eine kroatische Zeitung als Schlagzeile 'Die Slowenen attackieren
Kroatien', was so nicht stimmt."
Ljubljana selbst, blühende Hauptstadt Sloweniens, hat seine Türen längst geöffnet.
Willkommen sind alle, die zu feiern wissen. Hier geht es um mehr, als nur um eine
technische politische Abwicklung des EU-Beitritts.
Am großen Sternen-Park wird das so genannte "Café Evropa" eröffnet. Zwei Bühnen laden
nationale Musikstars ein und solche aus den alten Mitgliedsstaaten. Nur vier Fußminuten
entfernt auf dem Preseren-Platz steht die nächste Bühne - auch hier freudiges Gelächter und
ausgelassene Stimmung.
Man ist sich nah in diesen Tagen. Plakate aus Holland heißen Slowenien in Europa
willkommen, und die großen Supermarktketten preisen Waren aus den alten und neuen
Mitgliedsländern an. Europäische Kopftücher und
Schulterumhänge sind auch normal.
Am Abend des Beitritts ist die ganze Stadt auf den Beinen. Die Bars sind voll, in den
Gassen und Straßen rund um die Altstadt Ljubljana herrscht reges Gedränge. Vielleicht ist
dieses intensive Erleben von Freude,
Anspannung und neugieriger Erwartung das eigentliche Geschehen. Ein Vater trägt sein
schlafendes Kleinkind auf dem Arm und wiegt es sanft zur dröhnenden Musik einer
alternativen Band auf dem Preseren-Platz. Zwei etwa sechsjährige Mädchen sind voller
Ausgelassenheit, was Europa bedeutet, machen sie in fröhlichem Singsang deutlich: "Europa
kommt bald, ich freu mich so..." Dazu klatschen und tanzen sie inmitten einer Schar
fröhlicher Menschen, die nun alle neugierig zur Burg blicken. Es ist kurz vor Mitternacht, und
mit slowenischer Gelassenheit beginnt fünf Minuten später ein rauschendes zehnminütiges
Feuerwerk. Zwischen Feuersalven rauschen und knistern minutenlang funkelnde Sterne am
Himmel. Atemberaubend, die Stimme versagt und man kann nur noch mit der Menge jubeln.
Das leise Tröpfeln des Regens hat für diese 15 Minuten slowenischer Euphorie ausgesetzt,
nun erfrischt der Regen die Gemüter und man ist sich sicher: Schon lange nicht
mehr wurde so intensiv miteinander gelebt, gelacht, getanzt. Für einige Minuten wird klar,
dass Europa und die EU an den Wurzeln angekommen sind.
Auch tags darauf herrscht eine gelöste Atmosphäre. Der Busfahrer plaudert
und wechselt vom Deutschen ins Italienische und wieder ins Slowenische, dass man nur so
staunt. "Guten Tag, heute ist Europa", begrüßt er erstmal drei junge deutsche Frauen, die
sich dann zwanglos an die Fahrertür lehnen und plaudern. Kommen neuen
Fahrgäste dazu, gibt es erst einmal eine fröhliche Begrüßung auf Deutsch. Das sonst strikte
Verbot, sich im Fahrerbereich aufzuhalten, ist für heute einfach aufgehoben. Europa,
willkommen!
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