EUROPA AKTUELL

  • Ivan Jung
 
 Das Europa-Dossier: Die EU und Russland

Zehn Jahre - vier Abkommen

Die Entwicklung der Beziehungen zwischen der EU und Russland

Nachdem der Eiserne Vorhang gefallen und der Kalte Krieg beendet war, stellte sich die Frage nach einer neuen Art der Beziehung der EU zu Russland. Aus diesen Überlegungen sind eine Vielzahl von Abkommen entsprungen und es werden mit Sicherheit noch weitere folgen.

Das neue Verhältnis ist geprägt von Widersprüchen. Das russische "Andersein" und das Selbstbild einer eigenständigen Großmacht haben mehr als einmal zu Verstimmungen geführt. Bei der geplanten Osterweiterung der EU nach Osteuropa wird Russland die Rolle eines Zaungastes zufallen. Dabei muss mit Sicherheit eine andere Frage gestellt werden als die, ob Russland nun zu Europa gehört oder nicht: Wo ist der Platz Russlands in Europa und wie kann Partnerschaft und Kooperation effizient und fruchtbar umgesetzt werden?

Eine wichtige Fragestellung angesichts der Tatsache, dass die Länder der europäischen Union Russlands wichtigste Handelspartner sind. 40% seines Außenhandels wickelt das Land mit der EU ab. Im Zuge der Osterweiterung kann dieser Prozentsatz noch gesteigert werden. Im Folgenden möchte ich daher einige bereits laufende Abkommen und Kooperationen skizzieren, um einen Überblick über die bisherige Beziehung der EU zum größten Land, Russland, zu geben.

Im Zuge der Perestroika wurde am 18.12.1989 das erste Handels- und Kooperationsabkommen der Europäischen Gemeinschaft und der UdSSR in Brüssel unterzeichnet. Dieses Abkommen sollte nach dem Zerfall der Sowjetunion als Basis für die neuen vertraglichen Beziehungen der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS) dienen. So begann nach dem Auseinanderbrechen der UdSSR im Dezember 1991 eine neue Epoche der Beziehungen zwischen Russland und EU.

Das TACIS-Abkommen

TACIS, das erste umfassende Abkommen zwischen der EU und Russland wurde 1991 geschlossen. Die Abkürzung steht für Technical Assistance for the Commonwealth of Independent States. Ziel dieses Programms ist die neuen unabhängigen Staaten und die Mongolei bei ihren Bemühungen um Gesundung und Neubelebung der Wirtschaft zu unterstützen. TACIS fördert:

  • die Umstrukturierung der öffentlichen Unternehmen und die Förderung der Privatwirtschaft,
  • die Landwirtschaft,
  • Infrastruktur, Energie, Telekommunikation und Verkehr,
  • Nukleare Sicherheit,
  • Umweltschutz,
  • Reform der öffentlichen Verwaltung,
  • Soziale Dienste,
  • Bildungswesen.

    In den Jahren von 1991 bis 1998 wurden 3.290 Millionen Euro dafür ausgegeben, Tausenden von Lehrern, Richtern, Journalisten, Managern, Polizeibeamten und ehemalige Offiziere in demokratischen Umgangsformen und zivilen Bürgerrechten zu unterrichten, den Aufbau von Gewerkschaften zu fördern, Betriebe zu modernisieren und zu privatisieren: vom veralteten Kernkraftwerk bis zu unrentablen Großkolchosen.

    Nicht alles war erfolgreich. So monierte der Rechnungshof, das 40 Millionen Euro, die jährlich für die nukleare Sicherheit ausgegeben wurden, zu viel seien. Zumal kein Kernkraftwerk bisher abgeschaltet wurde. Mittlerweile gibt es eine neue TACIS - Verordnung. Mit ihr beginnt eine neue Ära in der Partnerschaft zu den Staaten der GUS und der Mongolei: Von 2000 bis 2006 wird die EU Programme mit insgesamt 3 Milliarden Euro finanzieren.

    Aus den Fehlern der Vergangenheit will man gelernt haben, die neue Verordnung enthält einige Neuerungen: Hilfe soll nun verstärkt den einzelnen Regionen zu gute kommen. Eine verbesserte Auswahl der Programme soll eine hohe Qualität garantieren. Neue Formen der Zusammenarbeit und der Partnerschaft sollen erprobt werden. Darüber hinaus enthält die neue Verordnung eine Klausel, Hilfen für Länder einzufrieren, die die Menschenrechte verletzen. Dies galt insbesondere für Russland, dessen Zahlungen wegen des Tschetschenien - Krieges kurzfristig ausgesetzt wurden. Ein Umstand der jedoch mehr belächelt wurde denn gefürchtet.

    Mehr zu TACIS unter Die TACIS-Homepage bei der EU
    TACIS-Präsentation 1: 54 bunte, informative Folien
    TACIS 2000-2006; ein graphisch aufgelockerter Überblick

    TACIS-Links in Russland:

  • http://www.tacisinfo.ru/
  • www.tacis.nnov.ru/
  • www.exploit-lib.org/issue3/tacis/
  • www.eur.ru/eng/tacis/

    Das Partnerschafts- und Kooperationsabkommen (PKA)

    1992 machte die Europäische Kommission Russland den Vorschlag über neue vertragliche Beziehungen zu sprechen. Dies führte schließlich zu den Verhandlungen über das Partnerschafts- und Kooperationsabkommen. Unterzeichnet wurde es 1994 in Korfu, am 1. Dezember 1997 trat es schließlich in Kraft. Die Ziele des PKA scheinen sich mit denen der TACIS - Programme zu überschneiden:

  • Das Abkommen soll den Übergang der GUS - Staaten zu demokratischen Marktwirtschaften fördern und erleichtern,
  • Es basiert auf der Anerkennung der demokratischen Grundwerten, der Beachtung der Menschrechte und den Prinzipien der freien und sozialen Marktwirtschaft.
  • Es bezieht sich auf die Wirtschafts- und Handelsbeziehungen, die nukleare Sicherheit, den Umweltschutz, den politischen Dialog, die Menschrechte, den Reformprozess und auf die gegenseitige Ermäßigung der Zölle und Mengenbeschränkung.

    Diese Abkommen stellt wohl das bedeutendste Abkommen zwischen den westlichen Ländern und dem postkommunistischen Russland dar. So waren auch einige Ziele etwas hochgesteckt, insbesondere in Handelsfragen erwies sich die Umsetzung von PKA - Bestimmungen als schwierig. Das PKA enthält das Prinzip der Asymmetrie und ermöglich Russland ein Vorzugsrecht auf Anwendung von Maßnahmen zum Schutz seiner Produzenten im Binnenmarkt. Nur sieht die Wirklichkeit oft anders aus. Ein gravierendes Problem ist ferner, das es Russland bisher nicht geschafft eine transparente Handelspolitik zu betreiben. Einheitliche Spielregeln für Direktinvestitionen, Steuergesetzgebung sowie Kauf von Grund und Boden haben die Europäer bislang vergebens eingefordert.

    Weniger Probleme scheint es auf politischer Ebene zu geben. Allein in den letzten zwei Jahren fanden über 12 Treffen auf höchster Ebene zwischen der EU und Russland statt. Dabei wurden über den Meinungsaustausch zu PKA - Aktivitäten hinaus auch über handelspolitische und außenpolitische Themen gesprochen. Der politische Dialog verhalf zu einer Kontinuität in den Beziehungen, trotz mancher Spannungen, die zwischenzeitlich auftraten.

    Länderübersicht:
    www.wk.or.at/eu/handel/euabkommen1.htm
    Mehr dazu (auf englisch) unter: www.eubusiness.com/russia/971128co.htm

    Gemeinsame Strategie - der Plan der EU

    Die erste konkrete Anwendung des durch den Vertrag von Amsterdam geschaffenen Instruments der Gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik ist die "Gemeinsame Strategie der Europäischen Union für die Russische Föderation". Sie wurde im Juni 1999 in Köln auf dem Treffen des Europäischen Rates verabschiedet. Dieses Instrument erlaubt es der EU die bisher vernachlässigte Strategie gegenüber Russland klar zu formulieren und der Partnerschaft neue Perspektiven zu geben. Die Ziele sind:

  • eine stabile, offene und pluralistische Demokratie in Russland, die rechtsstaatlichen Grundsätzen verpflichtet ist und der Untermauerung einer prosperierenden Marktwirtschaft dient, aus der die Menschen in Russland und in der Europäischen Union gleichermaßen Nutzen ziehen;
  • Wahrung der Stabilität in Europa, Förderung der weltweiten Sicherheit und Antwort auf die sich dem Kontinent stellenden gemeinsamen Herausforderungen durch verstärkte Zusammenarbeit mit Russland.
    Mehr dazu gibt es auf dem EU - Server: GD Außenbeziehungen und Schlussfolgerungen des Vorsitzes (Europäischen Rat, Juni 1999, Köln)

    Auch beim BIOst unter
    www.biost.de/pub/ana99/aa9931.htm,
    bei den Kollegen der DGAP unter
    www.dgap.org/IP/ip0005/strategieeu.htm
    sowie auf russischer Seite unter:
    www.eur.ru/eng/euru/docs_cst.html sind entsprechende Informationen zu erhalten.

    'Mittelfristige Strategie zur Entwicklung der Beziehung zwischen Russland und der Europäischen Union' - Russlands Antwort-Plan auf die Gemeinsame Srategie

    Einige Monate nach dem Treffen in Köln legte der russische Ministerpräsident auf dem vierten EU-Russland-Gipfel in Helsinki eine "Mittelfristige Strategie zur Entwicklung der Beziehung zwischen Russland und der Europäischen Union" vor, die auf zehn Jahre angelegt ist. Dieses pragmatische Papier lässt die Gemeinsame Strategie der EU als idealistisches Konzept verblassen. Russland demonstrierte, dass es weiß, was es will. Im Bereich der Sicherheitsfragen herrscht Übereinstimmung mit den in der Gemeinsamen Strategie der EU vorgeschlagenen Initiativen. In Handels- und Finanzfragen werden spezifische Forderungen gestellt. Russland demonstriert sich in dem Papier als eigenständiger Akteur mit eigener Einflusssphäre. Es fordert dabei von der EU Unterstützung in dem Bemühen sich als Führungsmacht innerhalb der GUS zu etablieren. Interessant ist auch der Vorschlag Russlands einen neuen Rahmenvertrag mit der EU unterzeichnen zu wollen.

    Darüber beim BIOst mehr unter www.biost.de/pub/ber2000/b2000_05.htm

     Erstveröffentlichung am 2.11.2000

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    Links im Internet:

  • EU-Kommission: The EU's relations with Russia - an overview
  • Sonderheft des Osteuropa-Archivs zu EU/Russland
  • www.parlinkom.gv.at: Die Entwicklung der Kooperationen
  • BIOst.de über künftige Kooperationen
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