Europa Kreuz & Quer
- Christoph Karcher.
Deutsche Kulturstadt 2010 – Wiederentdeckte kulturelle Schätze, Marketing und viel Geld
Letztes Jahr hat der Bundesrat Görlitz-Zgorzelec und Essen als deutsche Bewerber für den Kulturhauptstadt-Titel vorgeschlagen. Wer am Ende das Rennen gewinnt, wird voraussichtlich gegen Ende 2006 in Brüssel entschieden. Bis dahin werden sich Essen und Görlitz präsentiert und eine siebenköpfige internationale Jury der EU-Kommission die beiden Städte besucht haben.
Kenner wie der Präsident der deutschen Vereinigung der europäischen Kulturstiftungen, Olaf Schwencke, schätzen die Chancen für Görlitz-Zgorzelec und Essen etwa gleich gut ein. Essen habe eine gewachsene kulturelle Struktur, die deutsch-polnischen Partnerstädte profilierten sich mit europäischem Zusammenwachsen. Der Konkurrenzkampf geht in die letzte Rund. Was bleibt vom deutschen Wettbewerb?
Das Kulturstadt-Fieber
Zwei Bewerber sind nun übrig, vorausgegangen war ein regelrechtes Kulturstadt-Fieber in zahlreichen Städten. Viel Geld hatte man in Braunschweig, Görlitz, Bremen, Essen, Halle/Saale, Karlsruhe, Kassel, Lübeck, Potsdam und Regensburg ausgegeben - oft weniger für Kulturschaffende, als für Kulturmarketing und PR. So mancher Stadtbewohner mag sich gewundert haben, in welch kulturschwangerer Kommune er lebt.
Was bedeutet die Bewerbung für die Städte, was für den Gewinner? Ein Blick auf die Kulturstädte der letzten Jahre kann hier einen Eindruck vermitteln: in Graz (2003) hat man rund 59 Millionen Euro investiert, in Lille (2004) werden sich die Ausgaben wohl auf etwa 75 Millionen Euro belaufen. Bei solchen Summen wird klar, dass die künftige Kulturhauptstadt auf potente Sponsoren und Unterstützung des entsprechenden Landes, des Bundes und der EU angewiesen sein wird.
Die Kosten-Nutzen-Bilanz
Graz zieht derzeit ein zwiespältiges Fazit: einerseits Imagegewinn, Impulse im Tourismus und angestoßene Projekte, andererseits 700 Millionen Euro Schulden. Für Weimar, 1999 deutsche Kulturstadt Europas, stellt sich die langfristige Bilanz recht positiv dar: von den steil angestiegenen Besucherzahlen und der Sanierung des Stadtbild profitiert die Stadt noch heute. Unter den deutschen Bewerbern der aktuellen Runde hatte sich Bremen die Bewerbung am meisten kosten lassen, rund zwei Millionen Euro. Geholfen hatte dies wenig, Görlitz schaffte es mit dem wesentlich bescheideneren Budget von einer halben Million Euro in das Finale.
Gekennzeichnet wurde das kulturelle Wetteifern der vergangenen zwei Jahre vom Auftauchen professioneller und selbsterklärter Kulturmanager, von Eventmarketing- und PR-Profis und prominenten Unterstützern aus Hoch- und Massenkultur: Augsburg etwa schickte Hellmuth Karasek, Franz Xaver Kroetz und Richard von Weizsäcker in den Ring, für Potsdam warben unter anderem Günther Jauch und Jeanette Biedermann.
Ziele: Wofür eine EUropäische Kulturhauptstadt?
Die Richtlinien aus Brüssel für eine Bewerbung sind ebenso klar wie weitgefasst: herausgestellt werden soll "der Reichtum und die Vielfalt". Außerdem soll über "Gemeinsamkeiten der europäischen Kulturen" ein "Beitrag zu einem besseren Verständnis der Bürger Europas füreinander" geleistet werden. Wichtig ist urbane Kultur in ihrer Gesamtheit und in ihrer Beziehung zu anderen Kulturen. Angeboten werden müssen künstlerische internationale Veranstaltungen, die Kulturförderung und das Kulturmanagement sollen über das Kulturstadtjahr hinaus intensiviert werden. Die Einbeziehung der Bürger ist obligatorisch ebenso ein "Beitrag zur Förderung der Wirtschaftstätigkeit, insbesondere in den Bereichen Beschäftigung und Fremdenverkehr".
Vor dem Hintergrund der EU-Osterweiterung werden von nun an auch die neuen Beitrittsländer gleichrangig berücksichtigt: ab 2009 sollen parallel ein altes und ein neues EU-Land Kulturhauptstädte stellen. Die Betonung dieses integrativen Aspektes ist wohl ein Vorteil für Görlitz mit dem proklamierten europäischen "Brückenschlag" nach Osten. Doch auch andere Bewerber hatten mit ihren Beziehungen zu osteuropäischen Partnerstädten eifrig hausiert.
Man bastelt an einer EUropäischen Identität
Der Erfolg der Bewerbungskonzepte hinsichtlich der EU-Leitlinien lässt sich schwerlich messen – deutlich wird allemal eine Übernahme europäischer Schlagwörter in die einzelnen Konzepte, die Darstellungen bemühen sich um eine internationale und europäische Perspektive. Der eigene kulturelle Bestand wird in Bezug zu einem "europäischen" Erbe gesetzt– eifrig bastelt man so an einer europäischen Identität, was sicher eine grundlegende Intention der EU-politischen Kulturhauptstadtinitiatoren war und ist.
Inwieweit sich städtische Kultur in ihrer Allgegenwart und Gesamtheit – also auch als gelebter Ausdruck des Bewusstseins der Stadtbewohner - mit den schillernden Bildern der Visionäre in den Rathäusern und Marketingbüros deckt, ist hingegen wohl in vielen Fällen fraglich.
Erstveröffentlichung am 16.1.2006
Service zum Artikel
Links ins Internet
- SCADPlus: Kulturhauptstadt Europas
- Die Bewerberstädte für 2010
- Auswärtiges Amt: Info-Seite
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Europäische Kulturhauptstadt
- Dossier-Index.
- Tonnenschwere Versprechen.
- Patras 2006: Kultureller und politischer Karneval.
- Wiederentdeckte kulturelle Schätze, Marketing und viel Geld.
- Bewerbung Essen.
- Bewerbung Görlitz.
- Essen und Görlitz in der nächsten Runde.
- Die dt. Bewerbungskonzepte.
- Kultureller Ritterschlag mit Hintergedanken.
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