EUROPA AKTUELL

  • Torsten Schäfer
 

Feine Unterschiede zwischen Ost und West

Korrespondenten aus den alten und den neuen EU-Staaten arbeiten in Brüssel nicht auf einer Augenhöhe. Die osteuropäischen Journalisten haben mit einigen Nachteilen zu kämpfen.

Es war eine zynische Wette, die einige Korrespondenten aus den alten EU-Staaten da ausgeheckt hatten: Wann wird ein polnischer Journalist in der täglichen Pressekonferenz zum ersten Mal eine Frage stellen, die nichts mit der Osterweiterung zu tun hat? Vor oder nach dem Beitritt? Die Wette galt - bis ein polnischer Kollege drei Monate vor dem Beitritt am 1. Mai 2004 den Finger hob und von etwas anderem sprach als von Verhandlungskapiteln und Übergangsfristen.

Die Anekdote aus dem Almanach der Brüsseler Lach- und Sachgeschichten weist auf ein Kernproblem der osteuropäischen Europaberichterstattung hin: Während der Beitrittsverhandlungen zwischen EU und den Kandidatenländern betrieben diese Nabelschau. "Die Korrespondenten aus den Beitrittsstaaten konzentrierten sich auf Themen, die mit der Erweiterung und ihren Heimatländern zusammen hingen. Andere EU-Themen spielten eine weitaus geringere Rolle", sagt der Politologe Christoph Meyer. Er hat über die Arbeit der Brüsseler Korrespondenten promoviert und selbst vor Ort als Journalist gearbeitet. "Die Erweiterung war das einzig wichtige Thema für uns", bestätigt Gyorgy Foris, Korrespondent der ungarischen Wirtschaftszeitung "Vilaggazdasag".

Umwelt-, Regional- oder Agrarpolitik - Schritt für Schritt ging die EU-Kommission mit den Ländern die 31 Kapitel des Beitrittskatalogs durch. Von 1998 bis Ende 2002 dauerten die Verhandlungen. Weil sich die Korrespondenten der zehn "Neuen" so lange auf die gleichen Fragen und Probleme konzentrierten, bildeten sie mit der Zeit eine feste Formation im Korrespondentenkorps. "Während der Beitrittsverhandlungen waren sie klar als eine Gruppe erkennbar, die gemeinsame Interessen verfolgt und eng zusammenarbeitet", sagt Michael Stabenow, FAZ-Korrespondent in Brüssel und langjähriger Kenner der Korrespondentenszene.

Aufgelöst

Doch als 2002 die Debatte um die EU-Verfassung losbrach, war ein neues Megathema da. "Jetzt begann ein Prozess der Normalisierung. Die Kollegen berichteten nicht mehr nur über den Beitritt", so Stabenow. Am 1. Mai 2004 war die Osterweiterung unter Dach und Fach. Die Gruppe der Beitrittskorrespondenten begann, sich aufzulösen. "Mit den gemeinsamen Themen ist auch die enge Kooperation verschwunden", erklärt Gyorgy Foris. "Vor dem Beitritt war die Zusammenarbeit intensiv. Jetzt hat jeder seine eigenen Probleme", sagt auch Indrek Treufeldt, Korrespondent des estnischen Fernsehens.

Die neuen EU-Mitglieder und die Zahl der Korrespondenten
Estland:2
Lettland:3
Litauen:1
Malta:1
Polen:12
Slowakei:4
Slowenien:5
Tschechien:7
Ungarn:11
Zypern:4
Quelle: EU-Kommission, 2004

Statistisch gesehen war die journalistische Osterweiterung in Brüssel abgeschlossen, bevor die politische begann: Anfang der 90er Jahre arbeiteten nur wenige Korrespondenten aus den neuen EU-Staaten in Europas Hauptstadt. Bis zur Jahrtausendwende stieg ihre Zahl rasant an. Sie hat sich bei 50 eingependelt, wie die Statistik der EU-Kommission aus den vergangenen Jahren belegt. Die meisten Korrespondenten stellen Polen mit zwölf und Ungarn mit elf akkreditierten Journalisten. Die osteuropäischen Journalisten sprechen vor allem Englisch. Auch deshalb wird in Brüssel Französisch immer weniger wichtig. Einige Korrespondenten des "neuen" Europa können Deutsch. Ebenso wie Russisch spielt Deutsch aber keine besondere Rolle für ihre Verständigung untereinander.

Eine eigenständige Korrespondentenkultur hat das "neue Europa" in Brüssel nicht herausgebildet. "Ich sehe keine typischen Gemeinsamkeiten in den journalistischen Traditionen oder Arbeitsweisen", sagt Inga Rosinska, Korrespondentin des polnischen Fernsehsenders TVN 24. Zu groß sind auch die politischen Interessensunterschiede der Beitrittsländer (z.B. Irak-Krieg). Zu unterschiedlich ist ihr politisches Gewicht. "Die EU-Institutionen bevorzugen Medien aus großen Mitgliedstaaten", sagt Maja Kocijancic von der slowenischen Nachrichtenagentur STA. "Journalisten aus kleineren Beitrittsländern müssen schon mal hinten anstehen", bestätigt Inga Rosinska. "Als Polin habe ich da Vorteile."

Erfahren Sie im zweiten Teil, was die osteuropäischen Korrespondenten eint und mit welchen besonderen Schwierigkeiten sie zu kämpfen haben.

Erstveröffentlichung am 25.7.2005