EUROPA AKTUELL

  • Torsten Schäfer
 

Problemfeld Regionalzeitung

In der Diskussion um das Fehlen einer europäischen Öffentlichkeit geht es fast immer darum, wie überregionale Medien über die EU und die europäische Staatenwelt berichten. Politik und Forschung schauen kaum auf die Regionalzeitungen, die die eigentlichen Leitmedien sind - denn zwei Drittel aller Zeitungsleser informieren sich ausschließlich aus Regionalblättern.

Die Debatte um die Entstehung einer europäischen Öffentlichkeit hat sich rasant entwickelt: Viele Forschungsprojekte wurden in den vergangenen Jahren abgeschlossen, immer neue Arbeiten und Studien kommen hinzu. Und seitdem die EU ihre große Kommunikationsoffensive unter dem Titel "Plan D" in die Tat umsetzt, ist klar, dass der EU selbst klar geworden ist, wie wichtig eine demokratische Öffentlichkeit für ihren politischen Erfolg ist.

Fast immer ist aber nur von überregionalen Medien und vor allem Zeitungen die Rede, wenn es um den Zustand der EU-Berichterstattung geht. Vergessen wird, dass es vor allem die Regionalzeitungen sind, die die Masse der Leser an sich binden: Fast zwei Drittel der deutschen Zeitungsleser informieren sich nur über ihr Regionalblatt, wie Studien von Kommunikationswissenschaftlern zeigen.

Fehlendes EU-Bewusstsein in den Redaktionen

Wie berichtet also das eigentliche Massenmedium, die Regionalzeitung, über Europa? Diese Frage wurde bislang kaum gestellt. Wenige Arbeiten an der Universität Dortmund und Studien an der FU Berlin zeigen, dass die regionale EU-Berichterstattung ähnliche Schwächen hat wie die überregionale Berichterstattung. Dazu kommen andere Defizite, die verhindern, dass ein breiter Mediendiskurs über europäische Politik entsteht.

Hierbei geht es vor allem um das fehlende Bewusstsein in den Redaktionen der Regionalzeitungen, die europäischen Bezüge ihrer regionalen Themen sichtbar zu machen. Ein Beispiel: Wer über NATURA 2000 und die Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie berichtet, dürfte eigentlich nicht nur von einem örtlichen Naturschutzgebiet sprechen. Auch die Hintergründe der EU-Richtlinie, die ein europaweites Netzwerk von Naturschutzgebieten schafft, müssten erklärt werden. Allerdings geschieht dies kaum, wie die vorliegenden Studien zur regionalen EU-Berichterstattung zeigen.

Regionale Bezüge hat die EU-Politik viele - vor allem in stark vergemeinschafteten Feldern wie der Agrar-, Fischerei-, Verbraucher- oder Umweltpolitik. Diese Bezüge werden aber meist verschwiegen. "Die EU als Förder- und Ausgleichsmotor innerhalb Europas wirkt vielfach gerade in den Regionen. Dort werden Straßenbauten, Museumsprojekte, Festivals, Jugendprogramme und vieles mehr direkt aus EU-Töpfen finanziert", stellt der Dortmunder Journalistik-Professor und EU-Experte Gerd G. Kopper fest. "Nur scheint es eher die Ausnahme zu sein, dass solche Aktivitäten mit ihren Entscheidungsmechanismen und dahinter stehenden Personen in lesbares, vielleicht sogar unterhaltsames Alltagsformat gegossen werden."

Zu wenige Korrespondenten für zu viele Regionalzeitungen

Regionalzeitungen warten zumeist auf die Berichte, die ihnen die Nachrichtenagenturen anbieten. Oder aber ihr Brüssel-Korrespondent, wenn sie einen haben. Rund die Hälfte der Regionalblätter hat keinen Mitarbeiter in Brüssel. Diese Personalsituation wird von Wissenschaftlern immer wieder kritisiert. Hat eine Zeitung einen Korrespondent, arbeitet er meist für mehrere Blätter: 2006 berichteten 18 Korrespondenten für deutsche Regionalzeitungen aus Brüssel. Sie deckten die EU-Berichterstattung von 54 Zeitungen ab. Bei dieser breiten Streuung ist ein Korrespondent oft nur zum bundesweiten Rundumschlag fähig. Eine stete Berichterstattung über die speziellen Interessen der Regionen - wie etwa die Hafenrichtlinie für Norddeutschland, die Strukturfonds für den Osten und das Ruhrgebiet, die Weinmarktreform für die Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg - kann er aus zeitlichen Gründen nicht leisten.

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Veröffentlicht am 14.3.2008