EUROPA AKTUELLKaum jemand kennt den Brüsseler Journalismus besser als Michael Stabenow, Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Er arbeitet seit 20 Jahren in der europäischen Hauptstadt. europa-digital sprach mit Stabenow über die Besonderheiten der EU-Berichterstattung, das Verhältnis zu den Kollegen und die täglichen Recherchen im Dickicht der EU-Institutionen. europa-digital : Herr Stabenow, ganz grundsätzlich: Welchen Auftrag haben Sie hier als in Brüssel?
europa-digital: Also ein klarer Befürworter der politischen Einigung? Michael Stabenow: Ich habe auch kritische Momente, das gehört dazu. Gerade aber auch weil ich sehe, dass die Abwehrhaltung gegenüber Europa in letzter Zeit - für mich auch sehr irrational bedingt - zugenommen hat, hat sich meine grundsätzliche integrationsfreundliche Haltung eher noch verstärkt. Der Verfassungsprozess ist eine ganz große Chance, die Dinge in Europa unumkehrbar zu machen, und zwar in eine stärker föderale Entwicklung. Er ist andererseits auch ein Indiz für den Grad der Integrationstiefe, die wir erreicht haben. Mich verbittert es fast, dass nicht anerkannt wird, was geschichtlich gewachsen ist und wie stark Europa schon hineinwirkt in das Geschehen der Mitgliedsstaaten, ohne es zu beherrschen. Es ist Unsinn, zu sagen: "Brüssel diktiert alles." Brüssel ist nun einmal einerseits die Summe der Mitgliedstaaten, aber es ist auch mehr als das. Es ist auch ein gemeinsames Interesse. Das, was es bei uns in Deutschland - und deswegen verstehe ich das noch weniger - aus der föderalistischen Erfahrung heraus gegeben hat: ein Element des Interessensausgleichs, das letztlich dem Gemeinwohl dient. Und deswegen verstehe ich nicht, dass die Mäkeleien in letzter Zeit zugenommen haben. Für mich ist es dies mehr ein Zeichen der Verunsicherung; dass man keinen Halt mehr hat - weder national, noch global - und man auf die europäische Ebene prügelt, weil sie noch irgendwie konkret ist. europa-digital: Welche Haltung nehmen da ihre Leser ein ? Michael Stabenow: Wenn ich die Leserbriefe bei uns sehe, habe ich das Gefühl, unsere Leserschaft besteht nur aus Euroskeptikern. Da können wir also schreiben, was wir wollen. Das ist immer mit Sorgenfalten versehen. Das ist natürlich auch irgendwo verständlich, weil die Schreiber eher die sind, die sich beschweren wollen. Dennoch wundert es mich sehr, dass die Briefe durch die Bank negativ sind. Deswegen fragt man sich manchmal schon: Für wen schreibst Du eigentlich? europa-digital: Welche Anforderungen werden in Brüssel an Journalisten gestellt? Michael Stabenow: Man muss in Brüssel besonders vielseitig sein. Es reicht nicht, nur ein Wirtschaftsjournalist zu sein, oder nur ein politischer Journalist. Man muss die ganze Bandbreite nicht vollständig zu beherrschen, aber in der Lage sein, sich in die Themen einzuarbeiten und sie dann entsprechend zu übertragen. Man ist hier vor allem Übersetzter: Was bedeutet ein Vorschlag der Europäischen Kommission zur Übernahmerichtlinie konkret? Die Themen sind oft sehr, sehr komplex. Nehmen wir mal als Beispiel die Agrarpolitik: Da muss man sich mit den Marktordnungen einigermaßen auskennen. Man muss etwas von Handelspolitik verstehen: Wie laufen die Handelsströme, wie werden Überschüsse auf dem Weltmarkt abgesetzt, wie funktioniert das System der Exporterstattung? Aber auch die ganze Finanzmarktsberichterstattung mit den neuen Richtlinien, die es gibt - zu den Wertpapierdienstleistungen z.B. Das ist etwas, was in machen Fällen ein Korrespondent leisten muss, weil er alleine tätig ist. Eine enorme Herausforderung. europa-digital: Steht man in Brüssel unter großem Zeitdruck? Michael Stabenow: Der Zeitdruck ist insofern größer als anderswo, weil oft Entscheidungen mittags, nachmittags und in den Abend fallen. Und da müssen wir dann ruckzuck mit ziehen. Der Stoff aus Brüssel ist oft tagesaktueller als das, was von klassischen Korrespondentenplätzen kommt, also aus Washington oder Italien. Die machen vielmehr so hintergründigere Geschichten. Bei uns muss beides gemacht werden. Wir kleben sehr eng an der Tagesaktualität dran. Auch weil das, was hier in Brüssel entschieden wird - im Gegensatz zu anderen Korrespondentenplätzen - meistens unmittelbare Rückwirkungen auf das innenpolitische Geschehen hat. europa-digital: Nach welchen Kriterien wählen Sie die EU-Nachrichten aus? Michael Stabenow: Man muss natürlich berücksichtigen, wie die Agenda aussieht. Aber wir haben schon bestimmte Schwerpunkte, die wir setzten. Wir haben intensiv über den Verfassungsprozess berichtet, sehr kontinuierlich auch. Kontinuierlicher als die meisten anderen, weil wir mehr Platz haben. Das war ein Thema, bei dem andere Zeitungen sagen: "Das machen wir nicht bei jeder Sitzung, sondern nur dann, wenn es eine neue Entwicklung gibt." Sie berichten mehr synthetisch darüber und versuchen, Strukturen aufzuzeigen, das ist ein anderer Ansatz. Insgesamt haben wir eine relativ große Autonomie bei der Themenauswahl. Es gibt aber auch eine stärker werdende Nachfrage aus der Zentrale, die sich wiederum aus dem speist, was über die Nachrichtenagenturen läuft und was das Fernsehen als wichtiges Medium für den groben Transport von Themen bringt. Und die Rolle der konkurrierenden Blätter wird wichtiger: Es wird sehr stark darauf geschaut: Was schreibt die Financial Times Deutschland, das Handelsblatt, oder die Süddeutsche Zeitung? Was sich etwas verschiebt, ist die Möglichkeit für uns als Korrespondenten, die Themen in ihrer Gewichtung zu bestimmen. europa-digital: Also ein stärkerer Wettbewerb, ein größerer Erfolgsdruck. Michael Stabenow: Wenn z.B. dpa schreibt: "Wie in einer redaktionell übermittelten Fassung die FAZ erfahren hat", dann hat das sehr großen Einfluss. Wir gucken als Zeitungen darauf. Wir wollen in die Agenturen rein, weil wir uns davon versprechen, dass das übernommen wird. Wir wollen auf diesem Weg in den Hörfunk und vor allem ins Fernsehen: "...sagte Romano Prodi der Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Das nutzt uns, und das haben wir sicher auch verstärkt. Andere machen das auch. Also das hat extrem zugenommen. europa-digital: Warum? Michael Stabenow: Weil das der einzige Vektor ist, wo wir letztlich werben können, ohne groß zu investieren. Das ist für uns das Einfallstor zur breiten Öffentlichkeit, in der unser Name und das Qualitätssiegel FAZ oder Süddeutsche Zeitung eine Rolle spielen. europa-digital: Werden Vorschläge in Frankfurt nun öfter abgelehnt, die Sie machen? Michael Stabenow: Selten, aber öfter als früher. Weil einfach weniger Platz da ist, insbesondere in der Wirtschaft ist es schon gestrafft. Es gibt mehr grafische Elemente, die Schrifttypen sind größer geworden. Das sieht der Leser auf den ersten Blick nicht. Vor zehn Jahren gab es vielleicht 15 oder 20 Prozent mehr Text als heutzutage. Lesen Sie im zweiten Teil, über welche Institution Michael Stabenow am meisten berichtet und wie er in Brüssel an Insiderinformationen gelangt.
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