EUROPA AKTUELL
europa-digital : Blicken wir hinein in die FAZ: Über welche EU-Institution berichten Sie am meisten?Michael Stabenow: In erster Linie über die Kommission. Sie ist die Institution, die von Anfang an sehr bewusst Öffentlichkeitsarbeit betrieben hat; eine eigene Pressestelle aufgebaut hat, die jeden Tag eine Pressekonferenz abgehalten hat. Noch bis zum heutigen Tage ist die Kommission der Hauptanlaufpunkt für Journalisten. Jeden Mittag um zwölf Uhr versammeln sich dort zum Teil mehrere hundert Kollegen. Die kommen nicht unbedingt dorthin, um dass, was die Kommission von sich gibt, weiterzugeben. Die Kommission ist vor allem ein Treffpunkt für die Journalisten, so eine Art Nachrichtenbörse. europa-digital: Was kann man da beobachten? Wie ist das Verhältnis der Journalisten untereinander? Michael Stabenow: Ich bin 20 Jahre hier. Es ist immer sehr gut gewesen. Nicht, weil das so nette Leute sind, sondern weil die Materie sehr vielfältig ist und komplex ist, und man hin und wieder auf die Hilfe von Kollegen angewiesen ist. Man war auf einem Termin ist und hat einen anderen Termin verpasst. Dann kann ich einen Kollegen anrufen, der mich informiert. Oder wenn man jemanden braucht, der einem erklärt, wie Agrarüberschüsse auf dem Weltmarkt veräußert werden. Dafür weiß man selber, wie es bei den Wertpapierdienstleistungen funktioniert. Insbesondere mittags, zwischen eins und drei, ist es hier sehr schwer, an Informanten zu kommen. Es ist besser geworden im Zeitalter des Handys, aber es ist immer noch relativ schwer. Aber es ist ein schärferer Wettbewerb, der in Brüssel Einzug gehalten hat. Das kann natürlich dazu führen, dass Spannungen zunehmen. Brüssel unterscheidet sich aber deutlich von Bonn oder Berlin, weil die Berichterstattung hier parteipolitisch weniger kontrovers ist. Verhältnisse wie in Berlin, wo je nach Zirkel nur konservative oder nur linke Journalisten zu einem Termin zugelassen sind, und damit die Medienlandschaft aufgesplittert wird, das haben wir hier in Brüssel nicht. Wir haben andere Trennlinien, die stärker geworden sind. In den 80er Jahren waren wir brave Pro-Europäer, die versucht haben, fast alles zu rechtfertigten: dass es etwa Butterberge und Milchseen gibt. Das war zwar fürchterlich, aber für viele Korrespondenten immer noch besser, als wenn es auf nationaler Ebene abgelaufen wäre. Seit Maastricht wird auch unter Journalisten die EU-Debatte viel kontroverser geführt. europa-digital: Das zarte Pflänzchen wird also weniger oft gegossen als früher... Michael Stabenow: Ein anderer Trend ist zu beobachten, der durch die gestiegene Konkurrenz in Zeiten der Medienkrise bedingt ist: Man geht bei der Recherche immer mehr Richtung Oberlauf. Da wird der Fluss immer dünner. Man bewegt sich auf sehr gefährlichem Terrain, weil man die Exklusivität auf Kosten der Solidität wählt: Der Vorentwurf des Vorentwurfs des Vorentwurfs von irgendwelchen Vorschlägen der Kommission. Das ist ein Trend, der ganz stark zunimmt, und der meiner Meinung nach auf Kosten der Qualität geht. Im Grunde eine bedenkliche Entwicklung Ein anderes Beispiel, aus der Luft gegriffen: Die Kommission entscheidet heute über eine Geldbuße gegen ein Kartell von Kunststoffherstellern. Ich weiß, dass etwa kommt. Aber ich weiß nicht, ob es überhaupt zu einer Buße kommt. Dann rede ich mit irgendwelchen Chemieunternehmen, weil die Kommission nichts sagt. Die Chemie-Lobby sagt: ‚Es kommt ein riesige Geldbuße auf uns zu. Wir werden vorgeführt. Notfalls klagen wir, wenn es soweit kommt.' Dann schreibe ich das. Aber nicht: "Aus Quellen der Industrie", sondern nur: "Es ist in Brüssel zu hören, dass die Kommission den Unternehmen X und Y 150 Millionen aufbrummen will." Damit hat man eine exklusive Story, die aber gar nicht gedeckt ist durch das, was wirklich passiert. Man geht heute öfter mit solchen vermeintlichen Nachrichten ins Blatt, auch wenn man sich dabei die Finger verbrennen kann. Nur weil man dann 24 Stunden lang im Scheinwerferlicht ist. europa-digital: Welche Rolle spielen bei der Brüsseler Recherche inoffizielle Quellen, Informanten? Michael Stabenow: Informelle Quellen sind die Kollegen. Das sind die besten Quellen, weil sie die Informationen auf das konzentrieren, was man wissen will. Das kann man natürlich nicht so verwenden. Aber die Einschätzung des Kollegen, die kann ich sehr gut verwenden. Wenn ein Kollege von einer anderen Zeitung zum Beispiel gestern Abend bei einem Essen war, bei dem der Botschafter der NATO sprach, und ich plötzlich einspringen muss, weil mein Kollege heute nicht da ist, werde ich fragen: "Welchen Eindruck hat der Botschafter vermittelt?" Und er wird es mir sagen. Das ist natürlich eine bessere Quelle, als wenn ich den Botschafter direkt anrufe. Dann sagt er mir nichts. Das ist dann Kaugummisprache. europa-digital: Und die Beamten in der Kommission ? Michael Stabenow: Sehr wichtig. Wenn ich an den Sachbearbeiter für die Übernahmerichtlinie, an den Beamten, der direkt den Entwurf in der Kommission bearbeitet, ran komme, ist er für mich die Topquelle. Nicht etwa der Sprecher des Kommissars. Für mich ist das dann der, der die Einzelheiten kennt. Nur diese Quellen tauchen natürlich nicht auf als solche. Dann heißt es: "In der Kommission ist zu hören... ." europa-digital: Arbeiten Sie hier in Brüssel auch investigativ? Michael Stabenow: Ja, natürlich. Investigativ ist ein großer Begriff. Das hat es in Brüssel wenig gegeben, trotz aller Skandale. Aber es hat gerade mit dem Sturz der Santer-Kommission eine richtige Welle gegeben. Da haben Journalisten stark investigativ gearbeitet. Wir waren auch beteiligt, ich war auch in solchen Kreisen. Ich hatte auch alleine mehrere Geschichten, wo ich ziemlich dran war. Zum Beispiel 1995 die französischen Atomversuchen: Inwieweit waren die mit EU-Recht vereinbar und welche Interessen waren da im Spiel? Wer hat versucht, auf wen Druck auszuüben? Das ging Wochen und Monate lang. Da hat man gesehen, wie man politischen Druck begleiten und sogar aufbauen kann, indem man ein Thema immer in der Diskussion hält. Das hat dazugeführt, dass letztlich die Kommission zu einem Sondertreffen zusammengekommen ist und Frankreich Ultimaten gestellt worden sind. europa-digital: Also wollen Sie kritisieren, kontrollieren? Michael Stabenow: Wir sind ja schon die vierte Macht. Damit muss man verantwortungsbewusst umgehen. Man darf nicht aus dem Bauch reden, sondern es muss sich auf Fakten stützen. Und wenn da einer einfach nur mit den Hammer drauf haut und nicht differenziert, dann wird es eng. Natürlich muss man mal draufhauen, dazu sind diese Spalten auch da. Ich denke aber, dass man vorsichtig sein muss; dass man nicht vorschnell den Hammer rausholt. europa-digital: Versuchen Lobbyisten, Sie bei der Recherche zu beeinflussen? Michael Stabenow: Der Einfluss der Interessensverbände hat sehr stark zugenommen. Sie treten immer öfter an die Medien heran, unsererseits nutzen wir aber auch öfter Interessensvertreter als Quellen. Die Zahlen gehen auseinander, aber es sind mindestens 10.000 Interessensvertreter, die hier sitzen. Wir wissen natürlich, dass sie Interessen vertreten, aber: Inwieweit ist das mit anderen Gruppen abgestimmt? Inwieweit sind das eigene Interessen? Inwieweit sind das deutsche Interessen? Stellenweise werden die Pressemitteilungen der Lobbygruppen besser, weil im Zuge der Medienkrise eine größere Reserve an Profis freigesetzt wird, die in die Kommunikationsabteilungen der großen Unternehmen und der Verbände gehen, und da die Arbeit ziemlich aufpeppen. Denn das war bei manchen Verbänden und Unternehmen ein Manko. Das wird im Zweifelsfall die Einflussmöglichkeiten der Verbände und der Unternehmen noch weiter erhöhen. Wir merken das schon, dass wir es stellenweise mit ehemaligen Kollegen zu tun haben, die natürlich wissen, wie das Geschäft läuft, wie man uns interessieren kann und wie man uns auch in gewisser Weise instrumentalisieren kann. Das Interview führte Torsten Schäfer.
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