EUROPA AKTUELL

  • Tanja Dukic
 

Ein "Happy Birthday" mit Misstönen

Wer 50 wird, der weiß, was ihn angesichts dieses feierlichen Anlasses erwartet: Geschenke, Gratulationen und eine Geburtstagstorte. Anders ist es, wenn die EU den 50. Jahrestag ihres Bestehens feiert. Denn Jubiläumszeit ist Umfragezeit. Und bei Umfragen hat die EU vor allem eines zu erwarten: Kritik.

In einem Meer aus blau-gelben Fahnen werden sie kommendes Wochenende wohl nicht versinken, die europäischen Straßen. Statt Anlass zur Euphorie bietet der 50. Geburtstag der EU ihren Bürgern eher Anlass zur Kritik. Das geht aus den zahlreichen Umfragen hervor, die zur Jubiläumszeit Hochkonjunktur haben.

Lebensumstände haben sich verschlechtert

Der Ruf der EU ist miserabel: Fast die Hälfte der im Auftrag der "Financial Times" befragten EU-Bürger sind der Ansicht, die Lebensumstände hätten sich seit der Gründung der Gemeinschaft verschlechtert. Den größten Kritiker-Anteil unter den fünf befragten EU-Mitgliedstaaten hatte Großbritannien. Dort lautete die Antwort auf die Frage nach der Entwicklung der Lebensumstände bei 52 Prozent: Es wurde schlechter

Auch die Deutschen haben ein schlechtes Bild von der Europäischen Union. Die Mehrzahl verbindet mit ihr die Verlagerung von Jobs. Einzig in Spanien, wo es seit dem Beitritt im Jahr 1986 wirtschaftlich steil bergauf ging, ist eine Mehrheit der Ansicht, dass die Gemeinschaft vor allem Gutes gebracht habe. Bisher ist der erste Gedanke, der EU-Bürgern zur Gemeinschaft in den Kopf kommt, der gemeinsame Markt, wie 31 Prozent der Befragten erklärten. Rund 20 Prozent nannten als erste Assoziation allerdings die überbordende Bürokratie in der Gemeinschaft.

Ein Horror: Deutschland ohne die EU?

So viel EU-Verdruss provoziert den Widerspruch von Wirtschaftexperten. Für Friedrich Heinemann vom Mannheimer Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung ist die deutsche Wirtschaft ohne den Brüsseler Ordnungsrahmen gar nicht vorstellbar. Zwei Drittel der deutschen Exporte gehen in andere EU-Staaten: Die Bundesrepublik würde ohne die EU ökonomisch um Jahrzehnte zurückgeworfen.

Außerdem sei gerade durch die EU vieles billiger geworden: Erst der EU-Kommission sei es gelungen, das Monopol der Telekom zu brechen. Das Gleiche gelte für Strom und Gas, die Post oder den Flugverkehr: Nur durch die neue Konkurrenz in diesen Branchen seien auch die Preise für die Verbraucher gesunken.

Viel Überzeugungsarbeit muss bei den Bürgern in Sachen EU dennoch nicht geleistet werden. Bei aller Kritik denkt der Großteil der Befragten in Spanien, Italien, Frankreich, England und Deutschland - insgesamt 40 Prozent - auch, dass ihre Staaten ohne die EU nicht besser dran wären. Nur 22 Prozent glaubten, dass ein Ausstieg aus der Union helfen würde.

Die EU: Gut als Idee, schlecht in der Umsetzung

Die Umfrage-Ergebnisse zeigen: Die Idee Europa gefällt, doch an der Praxis europäischer Politik haben viele etwas auszusetzen. Darum wird es am kommenden Wochenende abseits der öffentlichen Plätze und Gebäude, in denen die großen Reden gehalten werden, eher still sein. Den Feierlichkeiten tut dies keinen Abbruch: Immerhin ist die EU seit 50 Jahren Kritik gewohnt.

Veröffentlicht am 23.3.2007