EUROPA AKTUELL

  • Cornelia Brüll
 
Die Sprachenpolitik der Europäischen Union - Neuere Maßnahmen

Von der EU-Sprachenpolitik als solche zu sprechen, wäre beim momentanen Stand der Dinge verfehlt. Initiativen gestalten sich meist punktuell, ein Gesamtkonzept sprachlicher Bildung und sprachenpolitischer Regelungen gibt es nicht. Bekenntnisse zur Wahrung der Vielsprachigkeit sind dagegen zahlreich, in Realität macht sich aber eher eine Sprachhomogenisierung breit.

Die Europäische Sprachenpolitik begnügt sich weiterhin mit dem sprichwörtlichen Tropfen auf dem heißen Stein und vertraut auf ihre Einzelinitiativen. Welche das sind, soll im Folgenden gezeigt werden.

Ausrichtung der EU-Sprachenpolitik

Sprachenpolitische Initiativen lassen sich meist ausschließlich auf freiwilliger, nationaler Basis und in rein finanzieller Hinsicht durchsetzen. So hat die EU vor allem auf drei Ebenen so genannte Sonderprogramme zur Förderung der Vielsprachigkeit entwickelt. Das sind maschinelle Übersetzungshilfen, Terminologiedatenbanken und Sprachprogramme für das Bildungswesen wie das LINGUA-Programm.

Die Grundsteine für die neuere Sprachenpolitik wurden bereits 1993 und 1995 in Form zweier Weißbücher gelegt. Das Weißbuch von 1993 "Wachstum, Wettbewerbsfähigkeit, Beschäftigung" (übrigens nur in englischer Sprache abrufbar), fordert die immaterielle Investition in Bildung und Forschung für Europa. Dieses konkretisierte das Weißbuch zur "Allgemeinen und beruflichen Bildung" (1995, PDF) zur Schaffung einer kognitiven Gesellschaft.

Ganz allgemein sollten dabei folgende Initiativen angestoßen werden (zitiert aus dem Weißbuch):

  • den Erwerb neuer Kenntnisse zu fördern;
  • Schulen und Unternehmen einander anzunähern;
  • die Ausgrenzung zu bekämpfen;
  • das Erlernen von drei europäischen Sprachen zu erreichen;
  • die Gleichbehandlung zwischen materiellen und bildungsspezifischen Investitionen zu gewährleisten.
Die Wirkung der Weißbücher

Die Formulierungen im Weißbuch sind meist vage gehalten und nicht verbindlich. Geförderte Programme werden außerdem nur mangelnd auf ihre Wirksamkeit überprüft. So zeigen etwa Studien, die nicht von der Kommission durchgeführt werden, dass Aufenthalte im fremdsprachigen Ausland im Rahmen der Erasmus-Programme hauptsächlich die Englische Sprachkompetenz fördern.

Ebenso zeigt die Förderung der "kleinen" Sprachen wenig Wirkung: Im Schuljahr 1996/97 etwa lernten 91 Prozent der Schüler in den europäischen Sekundarschulen Englisch - Tendenz steigend (Europäische Kommission 2000). 26 Prozent der Europäer sprechen zwei Fremdsprachen, sieben Prozent beherrschen drei. Letzteres wurde aber von der Kommission als Bildungsziel für die höheren Schulen genannt.

"Jahr der Sprachen"

Die Europäische Union und der Europarat hatten das Jahr 2001 zum "Europäischen Jahr der Sprachen" bestimmt. Die 45 teilnehmenden Länder verfolgten das Ziel, in ganz Europa das Sprachenlernen zu fördern. Insgesamt fanden auf lokaler, regionaler, nationaler und transnationaler Ebene 190 co-finanzierte Projekte statt, die einem breiten Sprachenspektrum zugute kommen sollten.

Die Projekte umfassten in der Regel drei oder vier verschiedene Aktivitäten, so zum Beispiel Festivals, Konferenzen, Seminare, Ausstellungen, Tage der offenen Tür, Minisprachkurse und Wettbewerbe. Über 60 Sprachen waren dabei ausgewogen vertreten, darunter Amtssprachen, Regional- und Minderheitensprachen, Sprachen der Beitrittsländer und Zeichen-/Gebärdensprachen.

Neben der Sensibilisierung einer breiten Öffentlichkeit sollte das Sprachenjahr bei den nationalen und regionalen Behörden die Gelegenheit bieten, über das Lehren und Lernen von Sprachen zu diskutieren. Ergebnis waren mehrere Strategiepapiere zur Förderung der Mehrsprachigkeit und der sprachlichen Vielfalt.

Zu den deutlichsten Auswirkungen des Sprachenjahres gehörte die Intensivierung der Kontakte zwischen den an Sprachenfragen interessierten Organisationen. Gesetzlich hat sich durch das Jahr der Sprachen aber nichts geändert, besonders Minderheitensprachen werden nach wie vor nicht stärker berücksichtigt.

Jüngste Entwicklungen

Am 27. Juli 2003 genehmigte die Europäische Kommission den Aktionsplan zur Förderung des Sprachenlernens und der Sprachenvielfalt. Dieser Aktionsplan unterbreitet konkrete Vorschläge für insgesamt 45 Maßnahmen, die im Zeitraum 2004 bis 2006 in drei Schlüsselbereichen durchgeführt werden sollen:

  • allen Bürgerinnen und Bürgern sollen die Vorteile des Fremdsprachenerwerbs ein Leben lang zugute kommen;
  • die Qualität des Fremdsprachenunterrichts sei auf allen Stufen zu verbessern;
  • in Europa solle ein sprachenfreundliches Umfeld geschaffen werden.
Diese Maßnahmen sollen die von den lokalen, regionalen und nationalen Behörden unternommenen Initiativen unterstützen. Dabei wird deutlich, dass die supranationale Politik nicht als eigenständiger Gesetzgeber für Sprachenfragen legitimiert ist.

Anspruch und Wirklichkeit

Die EU-Sprachenpolitik sendet extrem widersprüchliche Signale aus: Gerade beim "Jahr der Sprachen" wurde oft trotz Mehrsprachigkeits-Rhetorik Vielsprachigkeit ausgeschlossen. So zum Beispiel in einem Projekt des Europäischen Fremdsprachenzentrums in Graz: Zum Europäischen Jahr der Sprachen waren Fremdsprachenlehrer aus aller Welt aufgerufen, sich an dem Projekt "Teachers of the Week" zu beteiligen. Auf der Homepage heißt es: "teachers of any language are invited to participate" - aber "submission of entries is only possible in the two languages English and French".

Dies ist nicht der einzige Fall, der die Widersprüche zwischen Rhetorik und Praxis aufzeigt. Bei genauem Hinsehen nimmt das Sprachenangebot innerhalb der Europäischen Union rasch ab: Ob man sich am Europäischen Hochschulinstitut in Florenz bewirbt, versucht Dokumente über den Server der Europäischen Kommission einzusehen oder einfach nur in seiner Muttersprache etwas tiefer als bis zum Eingangsportal der Europäischen Homepages vorzudringen versucht. Selbst die Eurobarometer Umfragen sind nicht in allen Sprachen zu haben. Meist reduzieren sich diese auf drei Sprachen, oft aber auch nur auf Englisch.

Besonders irritierend ist, dass etwa der im Internet vertretene Presseraum der Kommission, Besuchern nur in den Sprachen Deutsch, Englisch und Französisch zur Verfügung steht. Die dazugehörige Datenbank gibt es überhaupt nur in Englisch und Französisch. Gerade dieses Tor nach Außen sollte vielleicht, bei den Ansprüchen der Kommission, mehrsprachig sein.

Die Diskussion über diese Widersprüchlichkeit wird in der Öffentlichkeit tunlichst vermieden - diese müsste aber endlich geführt werden. Statt vieler punktueller Einzelmaßnahmen und Projekte, bedürfte es eines Gesamtkonzepts sprachlicher Bildung.

 Erstveröffentlichung am 16.8.2004


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Links ins Internet:

  • Es gibt keine eigene Generaldirektion, die sich nur um Sprachenpolitik kümmert. Für diese Fragen ist die Abteilung "Allgemeine und berufliche Bildung" der Europäischen Kommission zuständig.
  • Weißbücher der Europäischen Kommission
  • Ergebnisse vom "Jahr der Sprachen 2001" (PDF)
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