- Axel Heyer.
EUROPA AKTUELL

Istanbuler Notizen
Vor der Kulisse der Weltstadt Istanbul hat Herausgeber Axel Heyer in den letzten Tagen den Countdown bis zum Verheugen-Bericht verfolgt, mit Türken und Westeuropäern gesprochen und einen Eindruck davon bekommen, wie "die Türken" sind, wenn man sie nicht in einer deutschen Arbeitersiedlung sondern in ihrer stolzen Metropole beobachtet.
Wer erstmals nach Istanbul reist, bekommt eine Menge Aha-Erlebnisse für sein Halbwissen, einige Beispiele gefällig?
Als es bei der Vergabe der nächsten Olympischen Spiele um die Kandidatenstädte ging, war von Paris, New York, Moskau die Rede, dazu - erinnern Sie sich? - von Leipzig und von Istanbul. Aus irgendeinem Grund dachte ich mir, ok: am leichtesten ist für die Leipziger Istanbul zu knacken. Und auch wenn mittlerweile beide Städte nicht mehr im Rennen sind, sehe ich es nun anders. Diese riesige, dynamische und in vielen Aspekten moderne Metropole kann es mit den anderen Metropolen aufnehmen.
Istanbul liegt nicht am Mittelmeer, dafür aber an zwei bis drei anderen Meeren. Erstens liegt die Stadt am Marmarameer, das von der Ägäis durch die Dardanellen abgetrennt ist. Zweitens hat es die Stadt bis auf ein paar Kilometer an das nördlich gelegene Schwarze Meer herangeschafft; sein Wetter wird "schon heute" von dem Austausch zwischen diesen beiden Meeren geprägt. Für diesen Austausch ist der weltberühmte Bosporus da, eine 30 km lange Meerenge, über der häufig eindrucksvolle Wolkenbänke liegen.
Das dritte Meer aber ist das Istanbuler Fahnenmeer. In einer Dichte, wie man es sonst nur von stolzen Schweizer Bergdörfern kennt, ist allenthalben das Rot-Weiß der Nationalflagge zu sehen. Große Fahnen an Moscheen, mittlere vor Verwaltungsgebäuden und paarweise kleine auf Bussen. Dort sind sie, dem Verschleiß nach zu urteilen, teilweise noch länger angebracht als PACE-Fahnen an italienischen Studentinnenwohnheimen.
Live aus Brüssel auf fast allen Kanälen
Eigentlich hätte es da nahe gelegen, wenn sich ab dem 6. Oktober auch einige EU-Fahnen ins Stadtbild gemischt hätten, aber davon habe ich nichts gesehen. Dafür war die Europafahne am Tag nach dem JA der EU-Kommission auf zahlreichen Zeitungen abgedruckt, mit entsprechend europhorischen Schlagzeilen. Überhaupt ist in den Medien die EU-Debatte überaus präsent: Die Pressekonferenz von Romano Prodi und Günter Verheugen am Mittag des 6.10. übertrugen nicht weniger als neun der ca. 25 türkischen Fernsehstationen live. Man stelle sich vor, dass neun deutsche Sender aus dem Europäischen Parlament in Brüssel senden..!
Auf diesem Wege bekamen auch die sich anschließenden Statements der Fraktionsvorsitzenden im Europäischen Parlament traumhafte Einschaltquoten, wenn sich auch bis dahin ein paar Sender zur Analyse in die Studios zurückgezogen hatte. Hans-Gert Pöttering und Martin Schulz dürften jetzt in der Türkei ähnlich bekannt sein wie in Deutschland... Wie die türkische Simultan-Dolmetscherin aus der ihr vorliegenden englischen Sprachversion allerdings Daniel Cohn-Bendits Schenkelklopfer, man solle doch nun bitteschön die Moschee im Dorf lassen, übersetzt hat, bleibt ein Geheimnis dieser so fremden Sprache.
Wem sich also das Türkische nicht so recht erschließt und türkische Informationen aus erster Hand trotzdem wichtig sind, für den gibt es die Tageszeitung Turkish Daily News. Am Kiosk oder im Internet gibt sie einen zwar nicht sehr profunden, aber doch guten Einblick in die wichtigen Themen im Land und auf die türkische Perspektive auf Europa.
Geklärtes und ungeklärtes Halbwissen verbinde ich mit der Galatabrücke. Dass sie zweistöckig ist, hatte ich im Kopf und dass sie den europäischen mit dem asiatischen Teil der Stadt verbindet. Und nun? Sie ist zwar zweistöckig - unten Geschäfte und Restaurants, oben Autos, Busse und demnächst die Straßenbahn, aber in der Mitte fehlt der untere Teil, und sie lässt sich wie Londons Tower Bridge zwecks Schiffsdurchquerung hochklappen. Größer ist der andere Irrtum. Die Galatabrücke geht über das Goldene Horn, und das ist eine Art Mini-Fjord, der auf seinen beiden Seiten europäisch ist. Die eurasischen Brücken sind die beiden großen Stahlseilbrücken über den Bosporus. (Zum genaueren Hinkucken kann man sich bei lonely planet eine Karte des alten Stadtkerns mitsamt der touristischen Hauptattraktionen ansehen.) Ungeklärt ist aber nach meinen fünf Tagen in der Stadt geblieben, ob die zahlreichen Angler, die von der Galatabrücke ihre Rute ins Goldene Horn halten, das als Beruf oder als Freizeitvergnügen machen, aber es braucht ja noch Gesprächsstoff für die nächste Reise...
Ausblick: Silvester purzeln die Preise
Nachdem Spanien und Italien durch die Übernahme des Euro ihre großen Summen (20.000 Lire für ein Mittagessen etc.) bereits abgeschafft haben, folgen ihnen nun auch die - noch extremeren - Türken. Noch bis Ende des Jahres läuft dort jeder mit mehr als 50 Cent in der Tasche als Bargeld-Millionär durch die Gegend und kann diesen Umstand in launigen Postkarten in die Heimat verbraten. Dann aber - die wirtschaftliche Stabilität macht's möglich - fallen über Nacht sechs Nullen weg. Auch an dieser Währungsreform sieht man: Die Türkei ist derzeit ein ganz schön spannendes Land.
Erstveröffentlichung am 15.10.2004
Service zum Artikel
Links innerhalb europa-digital
Links ins Internet
- Die Empfehlung der EU-Kommission (PDF)
- Der Kommissionsbericht 2004 (PDF)
- Qantara-Dossier: Türkei und EU - Über die Grenzen Europas
Anzeige
DIE EU UND DIE TÜRKEI
Ältere Artikel:
- Fortschrittsbericht 2006.
- Zypern: Letzte Schonfrist für Ankara.
- "Debatte über EU-Erweiterung ist normal".
- Fortschrittsbericht 2005.
- Gewinner auf allen Seiten.
- Tauziehen um den Verhandlungsbeginn.
- Streit um die Zollunion.
- Modell "Abgestufte Integration".
- Zankapfel Zypern.
- Kommission beschließt Verhandlungsmandat.
- Diskussion bei DW-WORLD.
- Verhandlung ab 3.10..
- Geteilte Meinung in EUropa.
- Wird Europa überfordert?.
- Stillstand in der Türkei-Frage.
- Istanbuler Notizen.
- Europa 2015.
- Ja zu Verhandlungen.
- Interview Vural Öger.
- Die Reifeprüfung.
- Ehebruch bleibt straffrei.
- Türkei kann Beitrittsverhandlungen erwarten.
- Interview Ilter Turan.
- Deutsche Türkei-Pläne.
- Verhandeln oder nicht?.
- Troja macht Wirbel.
- Termin oder kein Termin.
- Neue Regierung im Amt.
- Zypernplan der UNO.
- Islamisten auf Europa-Kurs.
- Das türkische Reformpaket.
- Der Zypern-Konflikt.
- Der Ägäis-Konflikt.
- Der ewige Kandidat.
- Strategische Position.
- Türkei und EU-Außenpolitik.
- Interview Ozan Ceyhun.
- Interview Ali Tekin.
Anzeige
Sprung zum Artikelanfang.
