- Tobias Daniel.
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Die Türken haben gewählt - und damit das Parteiensystem am Bosporus faktisch auf den Kopf gestellt. Erstmals seit vierzig Jahren sind nur noch zwei Parteien im Parlament - der Großen Türkischen Nationalversammlung - vertreten. Klarer Wahlsieger: die gemäßigt-islamische Gerechtigkeits- und Entwicklungspartei (AKP) unter Reçep Tayyip Erdogan.
Dem vorläufigen Endergebnis zufolge erhielt die AKP zwar nur 34,1 Prozent der Stimmen - mit 363 von insgesamt 550 Sitzen aber eine komfortable Mehrheit im Parlament. Als einzige Oppositionspartei erhielt die laizistische Republikanische Volkspartei (CHP) 19,3 Prozent der Stimmen und ist demnach mit 178 Abgeordneten im Parlament vertreten. Neun Sitze sind an Unabhängige gegangen.
Für die Parteien der bisherigen Regierungskoalition unter dem greisen Noch-Regierungschef Bülent Eçevit endeten die Parlamentswahlen mit einem Debakel. So entfielen auf die DSP Eçevits gerade mal 1,3 Prozent der Wählerstimmen. Auch die Mutterlandspartei (ANAP) unter Mesut Yilmaz und die rechts-nationalistische Aktionspartei (MHP) scheiterten an der Sperrklausel von zehn Prozent. Selbst die liberal-konservative Partei des Rechten Weges der früheren Ministerpräsidentin Tansu Ciller konnte mit 9,5 Prozent nicht mehr in die Nationalversammlung einziehen. Die Folge: sämtliche Parteivorsitzende reichten unmittelbar nach dem Wahldebakel ihren Rücktritt ein.
Mit versteinerter Mine sprach Eçevit von einem "kollektiven Selbstmord", den die vorzeitige Parlamentsauflösung durch die bisherigen Regierungsparteien begangen hätten. Erste Analysen belegen jedoch, dass der Wahlausgang einem politischen Bankrott der etablierten Parteien gleichkommt. Die Wahlen kommen einem Protest gegen die alte politische Klasse gleich, die sich durch Korruption, Machtversessenheit und Inkompetenz selbst diskreditiert hat.
Wahlsieger betont prowestlichen Kurs
Die Wurzeln des Nationalen Sicherheitsrates reichen bis in die vierziger Jahre zurück. Nach dem Militärputsch von 1980, als alle politischen Parteien verboten wurden, entwickelte er sich zum Epizentrum der Macht am Bosporus. Der Rat tritt besonders dann in Aktion, wenn die Grundsätze der Türkischen Republik gefährdet scheinen - insbesondere bei der von Republikgründer Kemal Atatürk eingeführten strikten Trennung zwischen Staat und Religion (Laizismus).
EU reagiert verhalten
In der EU reagierte man jedoch verhalten auf das Wahlergebnis in der Türkei. Man nehme "den Ausgang der Wahlen in der Türkei zur Kenntnis" und sei "bereit, mit der neuen Regierung zusammen zu arbeiten", hieß es in einer Stellungnahme der EU-Kommission. Darüber hinaus verzichtete deren Chef Romano Prodi auf die spontane Glückwunschnote, wie sie üblicherweise nach Wahlen in den EU-Kandidatenländern versandt werden. Der EU-Koordinator für Außen- und Sicherheitspolitik, Javier Solana, begrüßte jedoch das Wahlergebnis in der Türkei. Dies sei ein "klarer Beweis der demokratischen Reife des türkischen Volkes". Ob diese Stellungnahme jedoch ernst oder ironisch gemeint war, wollte in Brüssel allerdings niemand beantworten.
Die Bundesregierung hofft nach dem Wahlsieg der islamisch-konservativen AKP auf eine stabile Regierung und einen proeuropäischen Kurs der Türkei. "Erste Signale" seien in Berlin "mit Wohlwollen zur Kenntnis genommen" worden, sagte der stellvertretende Regierungssprecher Thomas Steg. Nach Ansicht der CDU/CSU droht sich die Türkei jedoch weiter von der EU zu entfernen. Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber kritisierte den Kurs der rot-grünen Bundesregierung. "Die Türkei ist politisch und wirtschaftlich noch weit von den Voraussetzungen für einen EU-Beitritt entfernt", sagte der CSU-Politiker. Zudem fügte Stoiber an: "Wir wollen die Türkei wirtschaftlich, politisch und institutionell außerhalb einer Mitgliedschaft mit der Europäischen Union verbinden."
Lediglich in Griechenland herrscht unverhohlen Freude über den Machtwechsel. Mit dem haushohen Sieg der islamisch-konservativen Kräfte verspricht sich Athen eine schnelle Verbesserung der bilateralen Beziehungen und eine baldige Lösung des Zypern-Konflikts. "Die griechisch-türkischen Krisen hatten ihren Ursprung immer bei der politisch-laizistischen Elite der Türkei und nicht bei den Islamisten", schrieb die Athener Zeitung "Kathimerini".
Verzweifelt gesucht: ein Regierungschef von Erdogans Gnaden
Trotz des haushohen Wahlsieges der AKP ist bislang aber noch nicht entschieden, wer nun das Amt des türkischen Ministerpräsidenten bekleiden soll. Erdogan darf aufgrund einer früheren Verurteilung wegen Volksverhetzung nicht zum Regierungschef ernannt werden. Hintergrund: Noch Mitte der neunziger Jahre tönte Erdogan ganz unverhohlen: "Unsere Minarette sind Bajonette, die Kuppeln unsere Helme, die Moscheen unsere Kasernen." Eine Äußerung, für die sich Erdogan vier Monate Gefängnishaft eingehandelt hatte.
Zu den Favoriten zählt daher der stellvertretende Parteivorsitzende Abdullah Gül. Er gilt als gemäßigt, hat Regierungserfahrung und Kontakte im Ausland und spricht passabel Englisch. Güls Manko: Seine Ehefrau ist strenggläubig und trägt ein Kopftuch, was besonders den Säkularisten in Ankara - allen voran dem Militär - ein Dorn im Auge sein dürfte. Außerdem gilt Gül als ehrgeiziger Querdenker, der Parteichef Erdogan zu mächtig werden könnte. Somit kann sich auch Vecdi Gönül - ehemals Staatssekretär im Innenministerium - ebenfalls gute Chancen auf den Sessel des Regierungschefs ausrechnen. Er gilt als farblos und hundertprozentig Erdogan-loyal.
Die türkische Militärführung jedenfalls will den Wahlsieg der AKP respektieren. "Das Ergebnis entspricht dem Wunsch unseres Volkes, und das achte ich", sagte Generalstabschef Hilmi Özkök bei einem USA-Besuch. "Wir haben eine Wahl nach normalen demokratischen Regeln und ohne Zwischenfälle erlebt", wird der hochrangige Militär von der türkischen Nachrichtenagentur Anadolu zitiert.
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