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[an error occurred while processing this directive] Die strategische Position der Türkei nach dem 11. September

Schon seit Jahrzehnten spielte die Türkei in strategischen und geopolitischen Zusammenhängen eine Sonderrolle: Die Türkei ist das einzige islamische Land in der NATO und besaß zugleich als NATO-Mitglied nicht nur eine Grenze zum Warschauer Pakt, sondern, laut Ronald Reagan, zum "Reich des Bösen", der Sowjetunion. Außerdem besitzt die Türkei eine der größten Armeen der Welt.

Heute ist die Grenze zu den Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion zwar weiterhin brisant, jedoch geopolitisch von minderer Bedeutung. Seit dem 11. September 2001 hat sich das gesamte Gefüge verschoben: Die Grenzen zu Syrien, zum Iran und zum Irak sind jetzt von größerer Bedeutung. Hier verläuft nun die Trennlinie zwischen der NATO und einigen von US-Präsident George W. Bush als "Schurkenstaaten" bezeichnete Länder.

Diplomatischer Krieg um Vormachtstellung im Nahen Osten

Kein Land der Region und der Religion hat sich nach dem 11. September so eindeutig hinter den Kurs der USA gestellt. Das hat einerseits eine außenpolitische Isolation von den Nachbarstaaten zur Folge. Auch im eigenen Land wird diese Politik von großen Teilen kritisch verfolgt. Doch international stärkt diese konsequente Haltung die Türkei in der UNO, in der NATO und auch auf dem Weg in die EU. Das Wort des Altkanzlers Helmut Kohl, wonach die EU eine christliche Wertgemeinschaft sei, hat zwar noch immer viele Anhänger, doch die Einsicht in die Notwendigkeit, dass die Türkei irgendwann fester in die Strukturen der EU eingebunden werden muss, hat sich weitgehend durchgesetzt. Die Frage ist nur wann!

Doch was sind die genauen strategischen Pluspunkte der Türkei?

1. Strategische geographische Lage:
Die NATO kann nur von der Türkei aus dauerhaft in der momentan brisantesten Region der Erde operieren. Weder die anderen Staaten der Region, welche nun mit der NATO zusammenarbeiten, noch die Nachfolgestaaten der Sowjetunion verfügen über zuverlässige Strukturen, die langfristig ein stabiles politisches Gefüge garantieren. Und der andere strategische Partner der USA im Nahen Osten - Israel - hat zur Zeit eigene Probleme. Israel könnte zusätzliche Lasten derzeit nicht brauchen.

Eine langfristige Operation von der See aus, bzw. aus Europa, sind logistisch zu aufwändig und nur kurzfristig als Lösung akzeptabel.

2. Militärische Ausstattung
Mit der drittgrößten Armee der Welt kann die Türkei auch in Krisenzeiten selbstbewusst auftreten. Weder der Iran, noch der Irak sind militärisch in der Lage, die Türkei anzugreifen. Selbst gemeinsam wäre das ein unkalkulierbares Risiko, das einen Flächenbrand zur Folge hätte. Selbst militärische Interventionen der Türkei in Zusammenarbeit mit den USA sind für die Türkei leistbar. Nachdem die Bedrohung durch die PKK nachgelassen hat, drängt es die militärischen und politischen Führer der Türkei nach neuen Aufgaben.

3. Erfahrungen im Partisanenkampf
Gerade die immer schwächer werdende PKK qualifiziert die Türkei auch in den Augen der Amerikaner für die kommenden Auseinandersetzungen. Geduld und Erfahrung im Guerilla-Krieg sind Fertigkeiten, welche die Streitkräfte der USA nicht gerade auszeichnen. Auch der Mut zu Verlusten und zu Rückschlägen ist eine Tugend der türkischen Armee, welche die USA weder haben, noch anstreben.

Neue Rangordnung im Nahen Osten?

Schon bald könnte sich im Nahen Osten eine für die USA ungewohnte Rollenverteilung ergeben: Eine andere, verbündete Armee ist personell ähnlich ausgestattet und der Situation vor Ort eher gewachsen. Nur die Ausrüstung und die Lufthoheit wären Vorteile der USA, wenn auch Zweifel bleiben, ob sie der geographischen Lage entsprechen. In einer solchen Situation dürfte es den USA auf die Dauer schwer fallen, den Türken weiter Befehle zu erteilen. Eine andere Struktur der Verantwortung und der Verteilung der Lasten liegt in diesem Konflikt nahe. Besonders auch deshalb, da das Risiko der Isolation für die Türkei bestimmt nicht ohne Hoffnung auf Anerkennung und Belohnung (EU-Beitritt) eingegangen wurde.

 Erstveröffentlichung am 29.04.2002


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