- Nadia Klein.
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Ali Tekin sitzt als Abgeordneter der "Demokratischen Linkspartei" (DSP) - der auch der türkische Ministerpräsident Bülent Ecevit angehört - im Türkischen Parlament. Seiner Meinung nach "braucht die Türkei die EU genau so, wie die EU die Türkei braucht". Er ist Mitglied im Gemischten Parlamentarischen Ausschuss EU-Türkei und Vertreter des Türkischen Parlaments im EU-Reformkonvent.
Ali Tekin wurde 1965 in der türkischen Großstadt Adana geboren. In Ankara studierte er Politikwissenschaften und promovierte anschließend in Pittsburgh (USA). Neben seiner politischen Arbeit lehrt er an der Universität Bilkent in Ankara Internationale Beziehungen und Ökonomie.
Das Interview mit Ali Tekin führte Nadia Klein via eMail. Es fand auf englisch statt, die Antworten wurden von der Autorin auf deutsch übersetzt.
europa-digital
Genauer gesagt: Wir von der türkischen Seite übermitteln einerseits der EU, vor allem natürlich dem Europäischen Parlament, die Hoffnungen und Vorstellungen des türkischen Volkes. Auf der anderen Seite informieren wir das Türkische Parlament und die türkische Öffentlichkeit über die Entwicklungen im Europäischen Parlament und in der EU. europa-digital: Sollte die Türkei Mitglied der EU werden? Was sind die positiven Auswirkungen für die Türkei auf der einen und für die EU auf der anderen Seite?
Ali Tekin: Ja, die Türkei sollte ein Mitglied der EU werden. Für die Türkei erwarten wir dadurch erstens eine Verbesserung der demokratischen Verhältnisse. Zweitens gäbe es ein schnelleres Wirtschaftswachstum und eine kontinuierliche Wirtschaftspolitik. Drittens würde das Ansehen der Türkei im Nahen und Mittleren Osten, in Zentralasien und in der gesamten Region steigen.
Überdies denke ich, dass die Türkei zunehmend durch eine starke Mittelklasse und ihre Werte geprägt sein wird. Die Türkei wird eine Regionalmacht und ein Modell für andere Staaten werden. europa-digital: Die Türkei ist seit 1963 mit der EG / EU assoziiert. Sie möchte Mitglied der EU sein, aber sie erfüllt in vielerlei Hinsicht noch nicht die Kopenhagener Beitrittskriterien. Was sind aus türkischer Sicht die größten Probleme?
Ali Tekin: Die Türkei möchte die Kopenhagener Kriterien voll erfüllen. Wir teilen die Ideale, die die Kriterien ausdrücken. Sie stimmen mit der Philosophie von Kemal Atatürk überein, dem Gründungsvater der Türkischen Republik. Er wollte, dass die Türkei in den Kreis der westlich geprägten Industriestaaten eintritt ("to catch up with the contemporary level of civilization").
europa-digital: Die Türkei fordert von der EU Ausnahmeregelungen, zum Beispiel was die starke Stellung des türkischen Militärs angeht. Denken Sie, dass die EU der Türkei solch eine Ausnahmeregelung gewähren sollte?
Ali Tekin: Wenn die Sicherheit eines Staates intern und extern stark bedroht ist, hat das Militär eine wichtige Funktion. Das ist in der Türkei der Fall. Die "starke Position" des Militärs ist nicht einfach zu messen. Man muß sich an die Erfahrungen von Griechenland und Spanien vor ihrem EU-Beitritt erinnern. europa-digital: Können Sie sich eine Situation vorstellen, in der die Türkei es ablehnt, von der EU länger hingehalten zu werden? Gibt es in den Augen der türkischen Führung eine Alternative zur EU-Mitgliedschaft, zum Beispiel eine enge Partnerschaft zwischen der Türkei und der EU in bestimmten Bereichen wie dem Militär?
Ali Tekin: In den Augen der türkischen Führung ist die EU-Mitgliedschaft die erste Wahl. Andere Alternativen sind nicht realistisch, aber sie könnten eine Ergänzung zur EU-Integration sein. europa-digital: Wie stark ist Ihrer Meinung nach der Einfluß von EU-Bürgern, die die Mitgliedschaft der Türkei nicht aus einem Mangel an Reformen ablehnen, sondern wegen einem diffusen Unbehagen gegenüber einem Land mit islamischer Kultur, das zudem aufgrund seiner Größe das Machtgefüge innerhalb der EU stark verändern würde? Ali Tekin: Ich habe das Gefühl, dass es in Europa viele sind, die die türkische EU-Mitgliedschaft aus "kulturellen" Gründen ablehnen, es aber normalerweise nicht laut zu sagen wagen. Ich schätze, dass rund 40% derjenigen, die die Mitgliedschaft der Türkei bewußt oder unbewußt ablehnen, zu dieser Kategorie gehören. In den Ländern mit einem großen türkischen Bevölkerungsanteil, wie zum Beispiel in Deutschland, ist dieses Gefühl weiter verbreitet und stärker ausgeprägt. europa-digital: Wie wird die Türkei reagieren, wenn Zypern Mitglied der EU wird? Ali Tekin: Die Türkei würde darüber nicht erfreut sein. Ich bin mir nicht sicher, wie die Reaktion ausfallen würde. Es wird keine militärische sein. Wenn die EU der Türkei eine konkrete Perspektive für die EU-Mitgliedschaft geben würde, könnte dies die Zypernfrage entschärfen. europa-digital: Sie sind auch ein türkischer Vertreter im EU-Reformkonvent. Haben Sie das Gefühl, dass sie ein voll anerkanntes Mitglied dieses Konvents sind, bekommen Sie dieselbe Aufmerksamkeit wie Ihre Kollegen von den anderen Kandidatenländern? Ali Tekin: Ja, ich fühle mich in jeder Weise gleichberechtigt. Ich habe sogar den Eindruck, dass wir von der türkischen Seite mehr Aufmerksamkeit als die anderen Kandidatenländer erhalten. europa-digital: Was ist Ihr wichtigstes Ziel in den Beziehungen zwischen der Türkei und der EU? Ali Tekin: Mein wichtigstes Ziel ist eine EU-Mitgliedschaft der Türkei, von der alle Beteiligten profitieren. Mein starker Wunsch ist es, dazu beizutragen. Ich möchte, dass sich die Türkei zu einer vollen Demokratie und einer starken Marktwirtschaft entwickelt, die sich durch soziale Gerechtigkeit und Zusammenhalt auszeichnet.
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