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"Die EU als christlichen Club zu bezeichnen ist nicht sehr zutreffend"

Ist die Türkei in einer ähnlichen Rolle wie Deutschland während des Kalten Krieges? Wie steht es um die Beziehungen der Türkei zu seinen südlichen Nachbarn und wie verändert sich die Türkei auf dem Weg Richtung EU?

Prof. Dr. Ilter Turan (63) ist zur Zeit Professor an der privaten Bilgi Universität in Istanbul im Fachbereich Internationale Beziehungen. Während seiner langen akademischen Karriere war Turan auch Professor an der Istanbul Universität (von 1998-2001 Präsident) und der Koç Universität. An der Istanbul-Universität war er auch der Direktor des "Center for the Study of the Balkans and the Middle East".

europa-digital: Neulich haben Sie die Rolle der Türkei in der NATO von heute mit der Rolle Deutschlands während des Kalten Krieges verglichen. Könnten Sie diesen Gedanken etwas ausführlicher darsellen?

Prof. Dr. Ilter Turan
Prof. Dr. Ilter Turan: Was ich damit meinte ist, dass früher die Hauptgefahr für Europa von den Warschauer Pakt Staaten kam. Das NATO-Verteidigungssystem war darauf ausgerichtet und Deutschland nahm darin eine zentrale Stellung ein. Heute gibt es weder Warschauer Pakt noch Sowjetunion. Die aktuellen Bedrohungen für NATO-Mitglieder sind Massenvernichtungswaffen, Terrorismus, Drogen-Schmuggel etc.. Ein Großteil dieser Bedrohungen kommt aus dem Nahen Osten. Die Türkei ist der Staat, durch den Gütern und Personen auf dem Weg nach Europa hindurch müssen. Deshalb zeigen sich klare Ähnlichkeiten mit der deutschen Stellung als die Sowjetunion die Hauptgefahr darstellte und den Bedrohungen, die heutzutage NATO-Staaten drohen.

europa-digital: Die Beziehungen der Türkei zu den meisten arabischen Staaten war über Jahre hinweg sehr spannungsreich. Kürzlich wurde ein Türkei zum Vorsitzenden der Organisation der Islamischen Konferenz (OIC) gewählt. Ist dies ein Zeichen, dass sich die Beziehungen verbessern oder nur ein diplomatischer Coup?

Prof. Dr. Ilter Turan: Ich denke es ist ein bisschen von mehreren Dingen. Es gelang durch die Zusammensetzung der aktuellen Regierung, die Kommunikation auf diplomatischer Ebene zu verbessern, da einige Minister in der Lage sind, arabisch zu sprechen und früher in islamischen Organisationen gearbeitet haben. Wichtiger aber ist, dass es in den arabischen Ländern in letzter Zeit zu einer Reevaluierung ihrer Beziehungen mit der Türkei im Hinblick auf die gemeinsame Geschichte und die Stellung der Türkei innerhalb der muslimischen Welt kam. Gründe hierfür könnten ernsthafte innenpolitische Schwierigkeiten einiger arabischer Staaten sein und die Verschlechterung ihrer Beziehungen zu den USA. Einige arabische Staaten begannen die Türkei als ein Erfolgsmodell zu sehen und wünschten engere Interaktionen und mehr Zusammenarbeit.

Die Wahl eines Türken zum Vorsitzenden der OIC ist ein Ergebnis dieses Wandels. Diese Wahl zeigte insgesamt, dass sich die Araber stärker gegenüber nicht-arabischen Muslimen öffnen. Die weiteren Kandidaten kamen aus Bangladesh und Malaysia. Einen weiterer Wandel innerhalb der Organisation kann man daran sehen, dass es diesmal eine echte Wahl gab zwischen verschiedenen Optionen. Der neue Vorsitzende hat einen sehr interessanten Hintergrund. Er studierte in Kairo, spricht fließend arabisch und kennt die arabischen Gesellschaften sehr gut.

europa-digital: Im Zuge der Irak-Invasion wird wieder viel von der Demokratisierung des Vorderen Orients gesprochen. Es gibt eine lebhafte Auseinandersetzung, ob der Islam mit dem demokratischen Prozess kompatibel ist. Wie wird diese Debatte in der Türkei gesehen?

Prof. Dr. Ilter Turan: Demokratie und die demokratische Leistungsfähigkeit haben sich stetig verbessert und deshalb scheint das Argument, dass Religion und Demokratie kompatibel seien, überzeugend. Doch könnte man auch sagen, da alle Religionen die Wahrheit verkünden und diese nicht verhandelbar ist, dass vielleicht keine Religion im literarischen Sinne mit der Demokratie kompatibel ist. Wenn wir Gesellschaften untersuchen, die ein Demokratie-Defizit haben, z.B. Länder mit mehrheitlich muslimischer Bevölkerung, sehen wir, dass es eine Reihe von Charakteristiken gibt, die mit der Religion einher gehen, aber nicht unbedingt auf sie zurückzuführen sind, sondern z.B. aus dem tribalen Gesellschaftsaufbau stammen.

So würde ein Angehöriger eines bestimmten Stammes auch bei Unzufriedenheit mit der Politik, nicht für ein Mitglied aus einem anderen Stamm stimmen. Darüber hinaus fehlt oft ein Konsens über die nationale Gesellschaft, Demokratie setzt aber die Akzeptanz eines Ganzen voraus, innerhalb dessen Politiker im Wettkampf stehen. Diese Akzeptanz, aber auch die Massengesellschaft existieren in vielen Fällen nicht. Es gibt Elemente, die Menschen als politisch relevant betrachten, wie die Stammeszugehörigkeit und die Konfession, die aber nichts mit demokratischem Wettbewerb zu tun haben, weil diese Unterschiede nicht verhandelbar sind. Aber dies kommt nicht eigentlich aus der Religion. Wenn die Formen untersucht, die der Islam in verschiedenen Gesellschaften eingenommen hat, stellt man fest, dass es keine Standard-Version oder Interpretation gibt, sondern dass einige Formen mehr und andere weniger demokratie-kompatibel sind.

europa-digital: Eine letzte Frage zum Nahen Osten. Wie steht die türkische Bevölkerung und Regierung zu den aktuellen Geschehnissen im Irak?

Prof. Dr. Ilter Turan: Wie in vielen anderen europäischen Staaten, war die öffentliche Meinung und die Entscheidungen der Regierung nicht auf einer Linie. Die Situation im Irak hat sich innerhalb eines Jahres enorm verändert. Die Amerikaner haben sich bei allen Schwierigkeiten im Irak eingerichtet, Saddam wurde gestürzt.

Es ist sehr wahrscheinlich, dass die NATO bei der Ausbildung von Sicherheitskräften im Irak teilnimmt und die Türkei dabei einen Teil übernimmt. Die Türkei versucht darüber hinaus, Einfluss auf die Gestalt des zukünftigen irakischen Staates zu nehmen, z.B. besteht ein großes Interesse an einem geeinten Irak, der nicht Gefahr läuft, auseinander zu brechen. Auch wurde häufiger betont, dass die natürlichen Vorkommen in Kirkuk allen Irakern dienen sollten. Die Bevölkerung ist weiterhin stark gegen eine militärische Beteiligung.

Weiter zum zweiten Teil.

 Erstveröffentlichung am 27.7.2004


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