- Oliver Schwarz.
EUROPA AKTUELL![]()
Zur Seligsprechung bedarf es nach dem ausgefeilten Reglement der Heiligen
Römischen Kirche vor allem eines: eines statthaften Wunders. Ob dies
im Falle des europäischen Gründervaters, dem strenggläubigen
Katholiken Robert Schuman, nun auch wirklich vorliegt, darüber zerbrechen
sich seit gut 14 Jahren die Mitglieder des ostfranzösischen Bistums
Metz das Haupt. Papst Johannes Paul II. scheint von der Existenz eines Wunders
jedenfalls überzeugt zu sein. Warum auch nicht? Was die internationale
Presse am 9. Mai 1950 im Uhrensaal des französischen Außenministeriums
am Quai d'Orsay miterleben durfte, kam schon einem Wunder gleich. Denn das,
was Robert Schuman ihnen dort mitzuteilen hatte, darf ohne Übertreibung
als die Geburtsstunde der Europäischen Union gelten. Schon seine ersten
Worte ließen die Reichweite seiner Rede erahnen: "Der Friede
der Welt kann nicht gewahrt werden ohne schöpferische Anstrengungen,
die der Größe der Bedrohung entsprechen." Was folgte,
war ein genialer Plan, der die Brüche und Wunden europäischer
Geschichte heilen und an deren Anfang die deutsch-französische Aussöhnung
stehen sollte: die Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl
(EGKS oder Montanunion). Und wie kaum ein anderer verkörperte Schuman
jene Brüche und Wunden, die sich die Staaten Europas bis dahin zugefügt
hatten: Am 29. Juni 1886 als Spross einer lothringischen Familie in Luxemburg
geboren, studiert Schuman zunächst Jura in Berlin, Bonn, München
und Straßburg. Nach seiner Promotion eröffnet er 1912 eine Anwaltskanzlei
in Metz. Den Beginn des Ersten Weltkrieges erlebt Schuman als Ersatzreservist
des Deutschen Heeres, das Ende des Krieges - nach der Abtrennung Elsass-Lothringens
- als französischer Staatsbürger. Als Mitglied der Nationalversammlung
setzt er sich fortan für eine gemäßigte Eigenständigkeit
Elsass-Lothringens ein und leitet von 1929 bis 1936 als Präsident die
Elsass-Lothringen-Kommission. Im März 1940 wird er zum Unterstaatssekretär
für Flüchtlingsfragen der Regierung Paul Reynauds, tritt jedoch
drei Monate später unter dem Vichy-Regime von dieser Position zurück.
Im September 1942 wird Schuman von der Gestapo verhaftet, zunächst
in Metz inhaftiert und schließlich nach Neustadt deportiert. Nach
zwei Jahren Haft gelingt ihm von dort aus die Flucht nach Frankreich, wo
er sich im Untergrund aufhält und erste Kontakte zur Résistance
knüpft. Nach Kriegsende wird Schuman zuerst Finanzminister (1946/47),
dann Ministerpräsident (1947/48) und in den nachfolgenden Jahren Außenminister
(bis 1952). Als Außenminister setzt er sich für die Gründung
einer Europäischen Verteigungsgemeinschaft (EVG) ein, unterstützt
die gleichberechtigte Behandlung Deutschlands innerhalb der westeuropäischen
Staatengemeinschaft und erntet dafür - vor allem für seine kompromissbereite
Haltung in der Saarfrage - von gaullistischer Seite barsche Kritik.
Als im Dezember 1952 Antoine Pinay zurücktritt, verzichtet daher auch
Schuman auf sein Amt. Doch weiterhin engagiert sich Schuman für die
politische Einigung Europas: Als im März 1958 die Europäische
Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) begründet wird, wählt ihr frisch
gebackenes Parlament Schuman zu seinem ersten Präsidenten und ernennt
ihn zwei Jahre später nach seinem Rücktritt zu seinem Ehrenpräsidenten.
Schuman stirbt am 4. September 1963 im Alter von 77 Jahren im lothringischen
Scy-Chazelles.
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