EUROPA AKTUELL

  • Svenja Friedrich
 

Litauen: Geister im Haus

Weihnachten in Litauen ist ein Fest, an dem viele unerklärliche Phänomene passieren sollen. Es ist das Ende der Fastenzeit und nach uralter Vorstellung kommen die lebenden und toten Familienmitglieder zu diesem Fest zusammen. Daher sollte man Weihnachten am besten daheim feiern.

Während der sowjetischen Besatzungszeit war das Feiern der Weihnachtszeit in Litauen ebenso wie in den übrigen baltischen Staaten verboten. Auf Geheiß Lenins wurde Silvester zum Feiertag und die Geschenke wurden von Senis Saltis (= Väterchen Frost) an diesem Tag gebracht. Mit dem Ende der Sowjetunion lebten die weihnachtlichen Feiertage auf und sind nach litauischer Tradition wieder ein Familienfest - mit christlichen und heidnischen Bräuchen vermischt. So kommen heute wieder die lebenden und toten Familienmitglieder zusammen um Weihnachten zu feien.

Heute hat fast jede litauische Familien einen Weihnachtsbaum und die Zimmer werden mit viel Schmuck festlich dekoriert. Die Geschenke bringt Kaledu Senis, der Weihnachtsmann, am Heiligabend. Man darf sie aber erst am folgenden Morgen öffnen. Also gehen die litauischen Kinder an Weihnachten ausnahmsweise gerne früher ins Bett!

Kucios - Fastenspeisen

Am Heiligabend gibt es das große Weihnachtsfestessen mit zwölf verschiedenen Gerichten (Kucios), wobei diese die zwölf Monate des Jahres und die Apostel symbolisieren. Da der Heiligabend der letzte Tag der Fastenzeit ist, gibt es keine Milch, Butter oder Fleisch. Üblich sind aber Fischgerichte, Kuciukai (kleine Kekse) mit Mohnsamenmilch, Kompott, Gemüse, Früchte, Pilze und Brot. Viele Litauer feiern aber auch ganz nach amerikanischer Brauch mit gebratener Gans.

Das Weihnachtsessen beginnt mit dem Brechen einer Weihnachtswaffel, die an alle Anwesenden verteilt wird und Einigkeit und Frieden symbolisiert. Während des Essens muss man von allen zwölf Speisen kosten, um Glück im kommenden Jahr zu haben. Besonders wichtig ist es sitzen zu bleiben, bis alle die Fastenspeisen gegessen haben. Wenn man trotzdem aufsteht, so wird man im kommenden Jahr sterben. Dies gilt auch für alle, die eine Fastenspeise auslassen!

Während des Essens werden in manchen Familien extra Plätze für die Geister der toten Verwandten reserviert, indem man für sie aufdeckt und den Stuhl dekoriert. Nach dem Weihnachtsfestessen lässt man einen Teller mit Kucios auf dem Tisch stehen, damit die Familienmitglieder, die bereits tot sind, aber zu Besuch kommen könnten, noch genügend zu essen vorfinden.

Der Blick in die Zukunft und sprechende Tiere

In Litauen gibt es viele Weihnachtstraditionen, die ein glückliches neues Jahre bescheren sollen. Platz 1 der Liste geht an den Blick in die Zukunft. Liebe und Heirat sind hierfür besonders häufige Anlässe und es gibt viele Bräuche, die helfen sollen, den Geliebten oder die Geliebte zu erraten. Ledige Litauer werfen beispielsweise Schuhe gegen die Tür und wenn die Spitze nach vorne zeigt, geht man davon aus, dass die Hochzeit bereits im neuen Jahr stattfindet. Eine andere Möglichkeit ist es die Namen der möglichen Partner auf Zettel zu schreiben und unter das Kopfkissen zu stecken. Am Morgen des ersten Weihnachtstages zieht man dann einen Zettel hervor und erfährt so den Namen.

Viele litauische Weihnachtsbräuche sind aber auch ein wenig geheimnisvoll. So heißt es beispielsweise, dass Tiere an Weihnachten sprechen können. Dieselbe Legende gibt es auch in Polen und hat einen glückbringenden Hintergrund. In Litauen wird man jedoch heftig gewarnt in den Stall zu gehen oder einem Tier zu zuhören, da man ansonsten innerhalb eines Jahres sterben wird. Eine andere Legende besagt, dass sich an Weihnachten Wasser in Wein verwandelt. Wenn man das Wasser trinkt, bevor es zu Wein wird, hat man eine glückliche Zukunft.

Happy New Year

Silvester ist in Litauen, ebenso wie in anderen europäischen Staaten, ein spektakuläres Fest. Vom litauischen Fernsehen übertragen hebt der Präsident von Litauen das Champagnerglas und stößt mit allen Litauern gemeinsam auf ein "Frohes Neues Jahr" an. Anschließend feiert man ausgelassen und genießt dabei die fantastischen Feuerwerke. An Millenium gab es dieses Spektakel sogar gleich drei Mal zu bestaunen - das erste nach Moskauer Zeit um Mitternacht, das zweite nach Vilnius Zeit um Mitternacht und das dritte nach Warschauer Zeit um Mitternacht.

Allerdings lieben die Litauer es ebenso, zu Hause mit der Familie und zahlreichen Verwandten zu feiern. Häufig gibt es ein großes Festessen, das dem an Weihnachten in Nichts nachsteht. Es werden kleine Geschenke verteilt und wieder einmal ein Blick in die Zukunft geworfen.

Erstveröffentlichung am 16.12.2005

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