EUROPA AKTUELL

  • Agnes Breitkopf
 
11.3.
2004
Die Frage der Woche

Was hat der Rat mit Justus Lipsius zu tun?

Bedeutende Gebäude tragen die Namen bedeutender Menschen - das ist auch in Brüssel der Fall. So heißen zum Beispiel die beiden Gebäudeteile des Europäischen Parlaments "Altiero Spinelli" und "Paul Henri Spaak" - nach zwei europäischen Vordenkern, über die Sie in unserer neuen Serie "Europas Wegbereiter" bald mehr lesen können. Das legt die Vermutung nahe, dass auch der Namenspate des Ministerratsgebäudes - Justus Lipsius - sich um die europäische Einigung verdient gemacht hat, etwa als herausragender Ratspräsident der 60er Jahre.

Aber weit gefehlt - mit der Europäischen Union hatte Lipsius nichts zu tun. Die Antwort ist viel simpler als erwartet: Der Gebäudekomplex am Rondpoint Schuman, in dem der Rat seit 1995 seinen Sitz hat, ist auf einem Gelände errichtet worden, durch das früher einmal die Justus-Lipsius-Straße geführt hat. Den im ehrenden Angedenken zu halten, war also eigentlich keine EU-Idee, sondern viel früher eine der Brüsseler Stadtverwaltung.

Und warum wurde diese Straße nach ihm benannt? Der 1547 in der Nähe von Brüssel geborene Lipsius war zu seiner Zeit ein angesehener Humanist und Historiker. Das Lexikon weist ihn als "Vertreter des Neostoizismus" aus, in dem die antike Stoa im christlichen Sinn umgedeutet wurde. Die heutigen Insassen des Justus-Lipsius-Gebäudes haben mit ihrem Namenspaten gemein, dass schon er ein veritabler Europäer war, der u.a. in Köln und Rom ausgebildet wurde und an den Universitäten von Jena sowie Leiden (Niederlande) Geschichte lehrte. Zudem heißt es über ihn, dass er "den Staat vom Fürsten her" definierte. Da freut sich der Ratsvertreter...

Wenige Meter weiter sieht es mit der Behausung der Kommission iom übrigen ganz ähnlich aus: Das Breydel-Gebäude, in dem Romano Prodi noch bis mindestens 1. Mai allwöchentlich zur Kommissionssitzung lädt, verdankt seinen Namen ebenfalls keinem Vorzeige-Europäer sondern einem von den Brüsseler Stadtvätern geschätzten Volkshelden: Jan Breydel hatte mit Heldenmut in der "Goldenen Sporenschlacht" von 1302 für Flandern und gegen die französische Staatsmacht gekämpft - was 700 Jahre später die Herren Prodi und Solbes manchmal gut verstehen können...


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