EUROPA AKTUELL

12.01.
2001
Die Frage der Woche

von Katrin Schaumann

Balkan-Syndrom: Gefahr oder Hysterie?

Diese Frage scheint nun vordergründig beantwortet: Wie Verteidigungsminister Scharping erklärte, kann eine Gesundheitsgefährung der auf dem Balkan stationierten Soldaten durch Uran-Munition weitestgehend ausgeschlossen werden. Nach dem Bekanntwerden von gehäuften Leukämiefällen europäischer Soldaten war eine Diskussion darüber entflammt, ob es einen kausalen Zusammenhang zwischen dem Einsatz von uranabgereicherter DU-Munition (depleted uranium, DU) der Amerikaner im Kosovo-Krieg und den jüngst bekannt gewordenen Krebs-Erkrankungen bei Nato-Soldaten gebe. Trotz aller Entwarnung bei der Sorge um die Soldaten ist noch immer nicht eindeutig geklärt, wie groß denn nun die Gefahr einer möglichen radioaktiven Verseuchung der Zivilbevölkerung auf dem Balkan ist. Und dies wurde bisher aus der politischen Debatte weitgehend ausgeklammert.

Die von den USA im Kosovo-Krieg verwendeten panzerbrechenden Geschosse enthielten jeweils 270 Gramm Uran. Tausende solcher Waffen wurden bereits im Golfkrieg eingesetzt und führten zum vergleichbaren "Golfkrieg-Syndrom". Uran ist schädlich sowohl als Schwermetall wie auch durch seine Radioaktivität. Als besonders gefährlich gilt der Uranstaub, der bei einer Explosion entsteht und sich kilometerweit verteilt. Wird der Staub eingeatmet oder gelangt durch offene Wunden in den Körper, kann er Nierenschäden und sogar Krebs verursachen.

Die zu Rat gezogene Weltgesundheitsorganisation WHO äußerte sich skeptisch gegenüber dem direkten Zusammenhang zwischen den Leukämiefällen und der DU-Munition. Die Strahlenbelastung sei zu gering, außerdem könnten innerhalb einer derart kurzen Zeit keine Krebsfälle auftreten, die als direkte Folge des Kosovo-Krieges von 1999 zu werten seien.

Der Nato-Rat konnte sich am Mittwoch nicht auf ein Verbot der Uran-Muniton einigen. Den Vorschlag Italiens, den besonders Deutschland unterstützt hatte, lehnten die USA und Großbritannien rigoros ab. Lediglich Griechenland, Portugal und Norwegen hatten sich noch für das Verbot ausgesprochen. Zwar gestehen die USA bestehende Risiken im Zusammenhang mit uranhaltiger Munition ein, sehen aber keinen Grund für einen vollständigen Verzicht.

Mittlerweile hat die US-Armee entgegen früherer Angaben zugegeben, dass zweimal auf amerikanischen Truppenübungsplätzen in Deutschland "versehentlich" Uran-Munition abgefeuert worden sei. Die "Ausnahmefälle" ereigneten sich 1985 in Altenwalde und 1987 in Grafenwöhr. Die Geschosse und das umliegende Erdreich seien jedoch sofort entfernt worden.

Was bleibt, ist die Ungewissheit über Langzeitschäden. Und diese bedeuten vor allem eine Gefahr für die Balkanbevölkerung, die der Strahlung lebenslang ausgesetzt sein wird. Denn während Nato-Soldaten umfassend medizinisch untersucht und versorgt werden, sind an den Menschen im ehemaligen Kriegsgebiet nur sporadische Tests der lokalen Gesundheitsbehörden vorgenommen worden. Deren Gefährdung jedoch durch Panzerwracks und von Munitionresten verseuchter Böden ist besonders groß. Zwar sprechen Wissenschaftler von "Hinweisen", dass auch für die Bevölkerung ein Gesundheitsrisiko auszuschließen sei. Gesicherte Erkenntnisse sind das aber nicht.

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