europa-digital.de

europa-digital.de ist die führende deutschsprachige Website zum Thema Europa - verständliche Informationen, leicht zu finden. europa-digital dokumentiert und analysiert, wie das komplexe Gebilde Europäische Union funktioniert.

In eigener Sache

Sehr geehrte Leser und Leserinnen

Zehn Jahre haben wir versucht, für Sie einen Pfad durch den EU-Dschungel zu schlagen. Jetzt ist er uns über den Kopf gewachsen und wir stellen das Magazin ein.

Einen Teil unseres Archivs erreichen Sie noch für kurze Zeit über den Button "Weiter", die Homepage des Trägervereins europa einfach e. V. über den zweiten Button.

Einen Teil unseres Archivs finden Sie noch online.

Wir hoffen, Sie behalten ihr Interesse an EU-Themen.

Ihre Redaktion

Impressum

DAS DSCHUNGELBUCH

  • Ina Klein

Die Entwicklung der EU-Bildungspolitik

Das allgemeine Interesse am Bereich Bildung ist in der Anfangszeit der Europäischen Gemeinschaft eher gering, im Vordergrund stand die wirtschaftliche Integration. Der Bildungsbereich als nationale Zuständigkeit gehörte nicht zu den Aktivitätsschwerpunkten der Europäischen Gemeinschaft. Bildungsfragen waren bis hierher anderen politischen Zielsetzungen untergeordnet.

Als die Regierungschefs 1969 auf einer Gipfelkonferenz in Den Haag den Wunsch äußerten, Europa als eine "ungewöhnliche Quelle der Entwicklung, des Fortschritts und der Kultur" zu erhalten, kamen die EG-Bildungsminister auf den Trichter, sich einmal zu treffen. Das geschah dann zum ersten Mal am 16. November 1971 in Brüssel. Sie mögen sich damals wohlwollend und zustimmend einander zugenickt haben, als sie beschlossen, eine Zusammenarbeit auf dem Gebiet des Bildungswesens anzuerkennen.

Auf EU-Ebene hat man unterdessen auch nicht geschlafen: 1973 wurde in der damaligen Generaldirektion XII für Wissenschaft, Forschung und Entwicklung ein eigenes Bildungsressort eingerichtet. Dessen Kommissar war übrigens der deutsche Liberale Ralf Dahrendorf. Auch 1974 lässt sich ein ungebrochenes Bestreben erkennen, das gesamte Bildungswesen zur Sache der Gemeinschaft zu machen.

In einer Entschließung der im Rat vereinigten Minister für das Bildungswesen heißt es nämlich, dass die Zusammenarbeit im Bildungswesen nicht nur als Bestandteil des Wirtschaftslebens gesehen werden könne. Es sollte sich vielmehr auf die Verbesserung der Korrespondenz der Bildungssysteme in Europa, auf die Verstärkung der Zusammenarbeit der Hochschulen, die Verbesserung der Möglichkeiten einer akademischen Anerkennung der Diplome und Studienzeiten, des Fremdsprachenunterrichts und der Freizügigkeit und Mobilität der Lehrkräfte konzentrieren.

1976, bei ihrem dritten Zusammentreffen, verabschiedeten die Bildungsminister ein "Aktionsprogramm im Bildungsbereich", das - bis zum Inkrafttreten des Maastrichter Vertrags - im Grunde eine erste verbindliche Grundlage der EG-Bildungsminister darstellte. Außerdem setzte man hier noch einen ständigen Bildungsausschuss ein. Dieser war schließlich der "Verhandlungspartner" für die Kommission, wenn es darum ging, die im Rat beschlossenen Maßnahmen durchzuführen. Aber zurück zum Aktionsprogramm: Es bestand aus sechs Punkten, welche die Themen der Bildungsdiskussion in den Folgejahren widerspiegeln und somit als Richtschnur für zukünftige europäische Bildungspolitik bezeichnet werden können:

  • Bessere Möglichkeiten der Bildung und Ausbildung der Staatsangehörigen anderer Mitgliedstaaten der Gemeinschaft und von Nichtmitgliedsländern sowie ihrer Kinder
  • Verbesserung der Korrespondenz der Bildungssysteme
  • Zusammenstellung von Dokumentationsmaterial und Statistiken im Bildungswesen
  • Zusammenarbeit auf dem Gebiet des Hochschulwesens
  • Fremdsprachenunterricht
  • Chancengleichheit für den uneingeschränkten Zugang zu allen Bildungsformen
Seit der Annahme dieses Aktionsprogramms hat sich ein bisschen was getan. Viele Aktivitäten wie Gemeinschaftsprogramme, Aktionen, transnationale Netze resultieren aus den Zielen des Programms.

Als 1987 mit Inkrafttreten der Einheitlichen Europäischen Akte (EEA) neue Politikfelder wie die Sozial- oder Forschungspolitik in den Vertrag aufgenommen wurde, blieb der Bereich Bildung trotz fortschreitender Aktivitäten allerdings ohne vertragsrechtliche Aufnahme.

Insgesamt sind die 80er-Jahre bildungspolitisch etwas unsystematisch und konzeptlos. Bei Aktivitäten kommt es häufig zu Überschneidungen und eine Unübersichtlichkeit stellt sich ein. Die Konzepte wie "Europa der Bürger", "europäische Dimension im Bildungswesen", "Unionsbürgerschaft", Entscheidungen zu Innovationstechnologien, zur Hochschulpolitik und Anerkennung der Diplome und Abschlüsse, zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit und Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit, zum Ausbau der kulturellen Begegnungen und des Austausches fanden zum großen Teil ihren Niederschlag in Bildungsprogrammen. Im Vorfeld von Maastricht erscheinen dann drei Memoranden, in denen die Kommission ihr anspruchsvolles Bestreben unterstreicht, im Bereich der Hochschule (KOM (91) 349), Berufsbildung (KOM (91) 397) und Fernunterricht (KOM (91) 388) weiter tätig zu sein.

Das Weißbuch für Wachstum, Wettbewerb und Beschäftigung (KOM (1993) 700) wirkt wie ein Katalysator. Man will das Problem der Arbeitslosigkeit aktiv angehen und nach Möglichkeiten und Wegen suchen, die Menschen beschäftigungsfähig zu machen. Wie sollte dies anders geschehen, als durch Bildung und lebenslanges Lernen?!

Mit dem Weißbuch "Lehren und Lernen: Auf dem Weg zur kognitiven Gesellschaft" (KOM (1995) 590) bringt die Kommission 1995 ein programmatisches bildungspolitisches Dokument heraus, das die Leitlinien der europäischen Politik in der Erwachsenenbildung zusammengefasst. Das ganze ist als Vorbereitung für die Durchführung des Europäischen Jahres des Lebenslangen Lernens (1996) zu verstehen. Mit der Durchführung dieses Europäischen Jahres erhält die europäische Bildungspolitik eine enorme Plattform. Auf nationaler Ebene werden Debatten angeregt, Aktionen durchgeführt und Politiken entworfen.

Die Kommission unternimmt außerdem eine Menge, um den Einsatz multimedialer Lernformen (KOM (1996) 471) zu pushen und die Voraussetzungen dafür zu schaffen. Mit finanzieller Unterstützung und Bereitstellung von know-how arbeiten sie an Programmen, deren Ziele es sind, Schulen untereinander zu vernetzen, geschweige denn Computerarbeitsplätze an Schulen einzurichten und somit Wissenstransfer und Informationsbeschaffung sicherzustellen. Drei Ziele wurden formuliert:

  • Zugang der Schulen zur Informationsgesellschaft beschleunigen
  • Verbreitung mulitmedialer Unterrichtsformen fördern und eine "kritische Masse" von Anwendern, Produkten und Diensten im Bereich der multimedialen Lehrmittel schaffen
  • Die europäische Dimension mit Hilfe der Instrumente der Informationsgesellschaft stärker in die allgemeine und berufliche Bildung einbeziehen unter Wahrung der kulturellen und sprachlichen Vielfalt

Einen Europäischen Bildungsraum schaffen

Bildung und Berufsbildung haben seit dem Gipfel von Lissabon im März 2000 in der europäischen Zusammenarbeit an Bedeutung gewonnen. Der Europäische Rat hat sich damals das Ziel gesetzt, die Europäische Union zum wettbewerbsfähigsten und dynamischsten wissensbasierten Wirtschaftsraum der Welt zu machen.

Um dieses Ziel zu erreichen, haben die Staats- und Regierungschefs nicht nur einen tief greifenden Umbau der europäischen Wirtschaft, sondern auch ein Programm zur Modernisierung des Wohlfahrtsstaates und der Bildungssysteme verlangt. 2002 haben sie festgelegt, dass Europa bis zum Jahr 2010, was die Qualität der Bildungssysteme angeht, weltweit führend sein sollte.

So hatten die Bildungsminister 2001 einen Bericht zu den Zielen für die Systeme der allgemeinen und beruflichen Bildung (PDF), die bis zum Jahr 2010 erreicht werden sollen, angenommen. Ein Jahr später haben der Bildungsrat und die Kommission ein Zehn-Jahres Arbeitsprogramm (PDF) angenommen, das mit Hilfe der offenen Methode der Koordinierung umgesetzt werden soll. Diese Vereinbarungen bilden den neuen und kohärenten strategischen Rahmen für die Zusammenarbeit im Bildungsbereich.

Die Bildungsminister haben sich außerdem auf drei übergeordnete Ziele geeinigt:

  • Erhöhung der Qualität und Wirksamkeit der Bildungssysteme in der EU,
  • leichterer Zugang zur allgemeinen und beruflichen Bildung für alle,
  • Öffnung der Systeme der allgemeinen und beruflichen Bildung gegenüber der Welt.

Um diese Ziele zu erreichen, haben sie sich auf 13 Ziele geeinigt. Diese decken die verschiedenen Arten und Ebenen der Bildung (formelle, nicht-formelle und informelle) und zielen darauf ab, das lebenslange Lernen zu einer Realität werden zu lassen.

Die Bildungssysteme müssen auf allen Ebenen verbessert werden: bezüglich der

  • Lehrerausbildung
  • des Erwerbs von Grundfertigkeiten (Fähigkeit zum Begreifen, Verstehen, Urteilen)
  • der Integration von Informations- und Kommunikationstechnologien (eLearning)
  • des Fremdsprachenlernens
  • der lebenslangen Beratung
  • einer Flexibilität der Systeme, um das Lernen allen zugänglich zu machen
  • der Mobilität und der Anleitung zur aktiven Teilnahme an der Gesellschaft.

Europäischer und nationaler Qualifikations- und Creditrahmen

Im Rahmen der verstärkten europäischen Zusammenarbeit in der Berufsbildung und der hochschulischen Bildung will man einen alle Bildungsbereiche umfassenden europäischen Qualifikations- und Creditrahmen etablieren ("Maastricht Communiqué" - PDF). Unter Wahrung des Subsidiaritätsprinzips sind nationale Qualifikations- und Creditrahmen (QCR) zu entwickeln, die Folgendes enthalten sollen:

  • Transparenz von Qualifikationen/ Kompetenzen schaffen;
  • die Durchlässigkeit zwischen dem allgemeinbildenden, beruflichen und hochschulischen Bildungsbereich befördern;
  • in informellen Lernprozessen erworbene Kompetenzen berücksichtigen;
  • Mobilität auf dem Arbeitsmarkt ermöglichen.

Die nächste Generation

In der Mitteilung "Die neue Generation von Programmen im Bereich allgemeine und berufliche Bildung nach 2006" (KOM (2004) 474) legt die Kommission ein weiteres Zeugnis darüber ab, die EU an die Ziele von Lissabon heranzuführen. Weiterhin die Modernisierung der Bildungs- und Berufsbildungssysteme zu verfolgen und ein integriertes Programm für lebenslanges Lernen zu entwerfen, in dem die Systeme der allgemeinen und beruflichen Bildung aufgehen sollen.

 Erstveröffentlichung am 1.8.2005