- Axel Heyer.
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"Enzyklopädische Bildung ist heute nicht mehr möglich, und immer wieder beklagen die Verächter der Massenkultur den Niedergang der Bildung und das heute verbreitete Halbwissen. Die Zeit, in der ein bürgerlicher Bildungskanon allgemein verbindlich war, scheint vorbei - und doch ist er prägend für unsere heutige europäische Kultur."
So resümiert der Klappentext das Sujet von Manfred Fuhrmanns Spätwerk mit dem altmodisch-langen Titel 'Der europäische Bildungskanon des bürgerlichen Zeitalters'. Altmodisch? Begriffe, wie 'Bildungskanon' und 'bürgerliches Zeitalter' passen scheinbar nicht mehr in das Vokabular der digitalen Jahrtausendwende - zumal, wenn sie von einem 74-jährigen Lateinprofessor im Munde geführt werden; ich stelle ihn mir vor wie den alten Herrn, den man auf dem Titelbild durch ein Museum mit noch älteren 'Schinken' flanieren sieht.
Aber so wie Umberto Ecos Roman und dessen Verfilmung 'Der Name der Rose' mit einem altmodischen (im Grunde sogar - gähn? - kirchengeschichtlichen) Thema weite Kreise in ganz Europa (lassen wir die Amerikaner heute einmal links liegen) ansprachen, so hat auch Fuhrmanns Buch das Zeug, selbst spätgeborene Leser zu erfrischen und sie zu den Wurzeln ihrer europäischen Identität zu führen. Dabei kommt die eingestandene Skizzenhaftigkeit seines Ansatzes der Lektüre zugute, denn eine wirklich umfassende Gesamtdarstellung wäre so umfangreich, dass kaum ein Mensch sie lesen würde.
Allerdings fallen die von Eco verwandten Stilmittel Sex&Crime in diesem Sachbuch unter den Tisch, und auch wenn sich unter den Abbildungen eine Bilderfolge aus einem Asterix-Comic findet, sollte man schon in der Lage sein, das Sachbuch eines Akademikers mit Verstand zu lesen. Und da macht es uns Fuhrmann leicht, denn sowohl die Aufteilung des Buchs als auch sein Stil erlauben es, recht unkompliziert in die Materie der einzelnen Kapitel einzudringen.
Dabei gelingt ihm eine zweifache Annäherung an das Thema des Buches: Über die Essenz der Bildung zu schreiben und dies in einer Anschaulichkeit tun, die dazu führt, dass man als Leser wieder diese Bildung Stück für Stück aufnimmt: Wenn Fuhrmann etwa den Begriff Europa und seine historische Entwicklung untersucht, schreibt er über "das epochale, auch für den Europa-Gedanken entscheidende Ereignis" - den Fall von Konstantinopel im Jahre 1453. Mit ihm eng verbunden ist der "wichtigste Anstoß für die Wiederkehr des Europa-Namens als politischer und kultureller Kategorie [...] - eine äußere Gefahr: die von Südosten her Teile Europas erobernden Türken."
Dabei lernen wir den Mann kennen, "der diesen neuen Europa-Gedanken vorbrachte und zu verbreiten nicht müde wurde: Enea Silvio de' Piccolomini, auf dem Papstthron Pius II." Auch wenn die sich anschließende Beschreibung von Piccolominis Wirken recht knapp ist, muss man kein vatikanischer Forschergeist sein, um den Wunsch zu haben, in seine Geschichte tiefer einzutauchen. Aber es geht gleich weiter, und
es gibt noch vieles zu Lesen und dazu zu Lernen, zum Beispiel, was es ursprünglich mit dem Begriff Bildung auf sich hat.
So bekam ich beim Lesen das erwärmende Gefühl, doch noch dem Erbe dieses
europäischen Bildungskanons nah verbunden zu sein, wenn dieser so frisch entstaubt erscheint, wie hier. Dann war das Buch plötzlich und ohne jedes Fazit zu Ende. Ein Fazit aber war auch gar nicht so nötig; für dieses Buch über und um Bildung passt eine kulturübergreifend aus Südostasien entlehnte Formel am besten: Der Weg ist das Ziel.
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