In eigener Sache

Sehr geehrte Leser und Leserinnen

Zehn Jahre haben wir versucht, für Sie einen Pfad durch den EU-Dschungel zu schlagen. Jetzt ist er uns über den Kopf gewachsen und wir stellen das Magazin ein.

Einen Teil unseres Archivs erreichen Sie über den Button "Weiter", die Homepage des Trägervereins europa einfach e. V. über den zweiten Button.

Einen Teil unseres Archivs finden Sie noch online.

Wir hoffen, Sie behalten ihr Interesse an EU-Themen.

Impressum

EU SERVICE

  • Axel Heyer
 
Das Phantom Europäischer Bildungskanon

"Enzyklopädische Bildung ist heute nicht mehr möglich, und immer wieder beklagen die Verächter der Massenkultur den Niedergang der Bildung und das heute verbreitete Halbwissen. Die Zeit, in der ein bürgerlicher Bildungskanon allgemein verbindlich war, scheint vorbei - und doch ist er prägend für unsere heutige europäische Kultur."

Der europäische Bildungskanon des bürgerlichen Zeitalters.

So resümiert der Klappentext das Sujet von Manfred Fuhrmanns Spätwerk mit dem altmodisch-langen Titel 'Der europäische Bildungskanon des bürgerlichen Zeitalters'. Altmodisch? Begriffe, wie 'Bildungskanon' und 'bürgerliches Zeitalter' passen scheinbar nicht mehr in das Vokabular der digitalen Jahrtausendwende - zumal, wenn sie von einem 74-jährigen Lateinprofessor im Munde geführt werden; ich stelle ihn mir vor wie den alten Herrn, den man auf dem Titelbild durch ein Museum mit noch älteren 'Schinken' flanieren sieht.

Buch-Infos
Manfred Fuhrmann:
Der europäische Bildungskanon des bürgerlichen Zeitalters.
Insel Verlag, 1999,
220 Seiten, 20,80 €

Aber so wie Umberto Ecos Roman und dessen Verfilmung 'Der Name der Rose' mit einem altmodischen (im Grunde sogar - gähn? - kirchengeschichtlichen) Thema weite Kreise in ganz Europa (lassen wir die Amerikaner heute einmal links liegen) ansprachen, so hat auch Fuhrmanns Buch das Zeug, selbst spätgeborene Leser zu erfrischen und sie zu den Wurzeln ihrer europäischen Identität zu führen. Dabei kommt die eingestandene Skizzenhaftigkeit seines Ansatzes der Lektüre zugute, denn eine wirklich umfassende Gesamtdarstellung wäre so umfangreich, dass kaum ein Mensch sie lesen würde.

Allerdings fallen die von Eco verwandten Stilmittel Sex&Crime in diesem Sachbuch unter den Tisch, und auch wenn sich unter den Abbildungen eine Bilderfolge aus einem Asterix-Comic findet, sollte man schon in der Lage sein, das Sachbuch eines Akademikers mit Verstand zu lesen. Und da macht es uns Fuhrmann leicht, denn sowohl die Aufteilung des Buchs als auch sein Stil erlauben es, recht unkompliziert in die Materie der einzelnen Kapitel einzudringen.

Aus dem Inhaltsverzeichnis
I. Teil: Die Begriffe
1. Kap. Europa
2. Kap. Bildung
3. Kap. Kanon, Klassik
II. Teil: Die Voraussetzungen
4. Kap. Die Rezeption der Antike im neuzeitlichen Europa
5. Kap. Das Gymnasium, die humanistische Bildung
6. Kap. Der Fürstenhof des absolutistischen Zeitalters
III. Teil: Die Sachbereiche
7. Kap. Die Literatur
8. Kap. Die Enzyklopädie
9. Kap. Die Philosophie
10. Kap. Die Geschichte
11. Kap. Das Theater
12. Kap. Das Konzertwesen
13. Kap. Das Museum
14. Kap. Die Bildungsreise
15. Die Mathematik und die Naturwissenschaften

Dabei gelingt ihm eine zweifache Annäherung an das Thema des Buches: Über die Essenz der Bildung zu schreiben und dies in einer Anschaulichkeit tun, die dazu führt, dass man als Leser wieder diese Bildung Stück für Stück aufnimmt: Wenn Fuhrmann etwa den Begriff Europa und seine historische Entwicklung untersucht, schreibt er über "das epochale, auch für den Europa-Gedanken entscheidende Ereignis" - den Fall von Konstantinopel im Jahre 1453. Mit ihm eng verbunden ist der "wichtigste Anstoß für die Wiederkehr des Europa-Namens als politischer und kultureller Kategorie [...] - eine äußere Gefahr: die von Südosten her Teile Europas erobernden Türken."

Dabei lernen wir den Mann kennen, "der diesen neuen Europa-Gedanken vorbrachte und zu verbreiten nicht müde wurde: Enea Silvio de' Piccolomini, auf dem Papstthron Pius II." Auch wenn die sich anschließende Beschreibung von Piccolominis Wirken recht knapp ist, muss man kein vatikanischer Forschergeist sein, um den Wunsch zu haben, in seine Geschichte tiefer einzutauchen. Aber es geht gleich weiter, und es gibt noch vieles zu Lesen und dazu zu Lernen, zum Beispiel, was es ursprünglich mit dem Begriff Bildung auf sich hat.

So bekam ich beim Lesen das erwärmende Gefühl, doch noch dem Erbe dieses europäischen Bildungskanons nah verbunden zu sein, wenn dieser so frisch entstaubt erscheint, wie hier. Dann war das Buch plötzlich und ohne jedes Fazit zu Ende. Ein Fazit aber war auch gar nicht so nötig; für dieses Buch über und um Bildung passt eine kulturübergreifend aus Südostasien entlehnte Formel am besten: Der Weg ist das Ziel.

 Erstveröffentlichung am 15.12.1999


Feed back: Kommentar schicken   -   Redaktion honorieren

Druckversion erstellen   -    Artikel verschicken

Links ins Internet:

  • Amazon: Mafred Fuhrmann: Der europäische Bildungskanon des bürgerlichen Zeitalters.
  •