1:0 für Europa?
Uneinigkeit während des Irak-Konflikts, eine gescheiterte Verfassung, Streit über den Haushaltsplan, die beunruhigende demographische Entwicklung, die Aufweichung des Stabilitätspakts… kurz, die EU steckt in der Krise. Ist der "Europäische Traum" doch eher ein Albtraum? Nicht für Jeremy Rifkin.
Der Amerikanische Traum verblasst, er gehört der Vergangenheit an. In Europa dagegen entsteht ein neuer Traum, dem die Zukunft gehört. So sieht es zumindest der Amerikaner Jeremy Rifkin. In seinem Buch "Der Europäische Traum - Die Vision einer leisen Supermacht" legt er in der ihm eigentümlichen Eindringlichkeit dar, weshalb seiner Meinung nach nicht Amerika, nicht Asien, sondern Europa die Zukunft gehört. Mehrere deutsche MEPs hatten in unserem Fragebogen auf die Frage "Welches Buch haben Sie zuletzt verschlungen?" dieses Buch angegeben - ist es so gut?
Jeremy Rifkin war Berater des ehemaligen EU-Kommissionspräsidenten Prodi und ist heute Präsident der "Foundation on Economic Trends" in Washington, D.C. Seine Bücher "Das Ende der Arbeit und ihre Zukunft", "Das Biotechnische Zeitalter" und "Die H2-Revolution" waren internationale Bestseller. "Der Europäische Traum" ist sein neustes Werk. In einem Satz ausgedrückt ist das Buch ein Vergleich Amerikas mit Europa, den Europa gewinnt.
Von Übergewicht bis Kindersterblichkeit
Rifkin zieht für seine provokante These Statistiken aus so unterschiedlichen Bereichen, wie Umweltschutz, Sozial-, Familien-, Wirtschafts- und Bildungspolitik heran. Er wiegt die Errungenschaften Europas und Amerikas gegeneinander ab. Verglichen mit den USA sei in der EU die Kindersterblichkeit geringer, die durchschnittliche Lebensdauer in der Mehrzahl der EU-Länder höher und die Kluft zwischen Arm und Reich kleiner. Europas Mord- und Selbstmordraten sowie die Anzahl der Gefängnisinsassen seien sehr viel geringer. Während 30 % der Amerikaner chronisch übergewichtig seien, gelte dies nur für 11,3 % der Europäer.
Als Hauptursache der empirischen Befunde macht er die unterschiedlichen Konzeptionen von Politik, Gesellschaft und Wirtschaft diesseits und jenseits des Atlantiks aus. In überzeugender Art und Weise arbeitet er den Einfluss der Geschichte auf die divergierenden Denkweisen der Gegenwart heraus, wie unterschiedliche Einstellungen zur Individualität, Gemeinschaft, Religion und zum Privatbesitz.
Was uns die Geschichte lehrt
Warum sind die USA heute das pietistischste Volk der Welt und gleichzeitig die Nation, die sich am meisten dem wissenschaftlichen Fortschritt, der Nationalstaatsidee, dem Schutz des Privateigentums, dem Kapitalismus und der Individualität verschrieben hat? Warum haben sich in Europa Säkularisierung und Sozialdemokratie stärker durchgesetzt als in Amerika?
Ein Eintauchen in die Geschichte der beiden Kontinente, dient Rifkin dazu, die Entwicklung des alten amerikanischen Traums und das europäische Bewusstsein zu erklären. Seine Darstellung der Denkweisen ist überspitzt, doch jeder, der die Kulturen auf beide Seiten des Atlantiks kennengelernt hat, wird viel Wahrheit in seinen Ausführungen finden.
Nach Ansicht Rifkins ist der europäische Traum durch den Willen zur Integration und durch das Bewusstsein kollektiver und globaler Verantwortlichkeit geprägt. Der Amerikanische Traum hingegen sei durch eine Überbetonung der individuellen Autonomie gekennzeichnet. Europa setze nachhaltige Entwicklung über unbegrenztes materielles Wachstum, Lebensqualität über die Anhäufung von Reichtum, und kulturelle Vielfalt über Assimilation. Der europäische Traum stelle universelle Menschenrechte und die Rechte der Natur über Eigentumsrechte und individuelles Selbstinteresse sowie globale Zusammenarbeit über einseitige Machtausübung.
Das Ende der Nationalstaaten
Auf dieser Grundlage betrachtet er auch Europas zukünftige Rolle. Dreh- und Angelpunkt seiner gesamten Argumentation ist die Überzeugung, dass in einer von unzähligen gegenseitigen Abhängigkeiten geprägten globalisierten Welt Nationalstaaten nicht länger alleine bestehen können. Grundlegende Probleme ließen sich nicht mehr auf nationaler Ebene lösen, sondern nur noch mit Hilfe transnationaler Organisationen und internationaler Kooperation. Rifkin sieht hier die Europäische Union als das weltweit am weitesten fortgeschrittene Beispiel eines transnationalen Regierungsmodells. Es sei nicht die UNO, sondern die EU, die das Modell einer künftigen globalen Föderation unabhängiger Staaten darstelle. Nur das Modell der EU ermögliche mittels einer dezentralisierten Regierung eine neue Form verbindlicher und gleichberechtigter Kooperation.
Buch-Infos
Jeremy Rifkin
Der Europäische Traum
Campus Verlag
Dt. Erscheinungsjahr: 2004
320 Seiten
Preis: 24,90 Euro
ISBN: 3-503-37431-5
Wie schon der Titel des Buches erkennen lässt, macht Rifkin keinen Hehl aus seiner Europa-Bewunderung. Und so stellt er in seinem Idealismus manchmal etwas positiver dar als es der Realität entspricht oder spielt die Stärken Europas gegen die Schwächen Amerikas aus. Ihn als illusionistischen, amerikanischen Europa-Fan zu beschreiben, der den alten Kontinent nicht richtig kennt und daher glorifiziert, wie einige Kritiker es tun, ist jedoch schwer nachvollziehbar. Er war jahrelang Berater von EU-Kommissionspräsident Prodi und schreibt regelmäßig für Zeitungen, wie den britischen "Guardian", die "Süddeutsche Zeitung", die spanische Zeitung "El País" und den "Espresso" aus Italien. Auch schaut Rifkin nicht aus dem akademischen Elfenbeinturm auf die EU: Er hat jahrelang in Europa gelebt und ist viel gereist.
Seine in Teilen anklingende Europa-Bewunderung erklärt sich daher nicht aus einem Mangel an Wissen, sondern aus seiner Intention heraus. "Der Europäische Traum" versucht nicht nur den Europäern ihren Traum zu erklären. Ebenso ist es Rifkins Kritik an seinem Heimatland. So wie viele, insbesondere neoliberale Europäer richtungweisend nach Amerika zeigen, zeigt Rifkin in seiner offensichtlich sozial-liberalen Grundeinstellung nach Europa.
"The grass is always greener on the other side"
Viele Neoliberale in Europa sprechen mit Bewunderung über die Kraft und Flexibilität der US-Wirtschaft, verschweigen aber Probleme, die der Abbau des Sozialstaates zu verantworten hat. Rifkin geht in Teilen ähnlich vor und verschweigt oder relativiert Probleme Europas. Doch diese Vorgehensweise ist in seinem Buch eher die Ausnahme als die Regel; generell vermeidet er es, Vor- oder Nachteile der jeweiligen Seite des Atlantiks über einen Kamm zu scheren. Auch wenn manchmal der Unterton seiner Europa-Bewunderung mitschwingt, sind seine Analysen überwiegend ausgewogen.
Jeremy Rifkin geht es in seinem "Europäischen Traum" gar nicht so sehr darum, ob die Europäer in jeglicher Hinsicht ihren Traum verwirklichen. Die Amerikaner haben den Amerikanischen Traum auch nie vollkommen verwirklicht. Für ihn geht es viel mehr darum zu zeigen, dass sich in Europa eine Zukunftsvision entwickelt, die sich in vielen wichtigen Aspekten von der Amerikas unterscheidet. Er versucht zu erklären warum die europäische Zukunftsvorstellung seiner Ansicht nach besser geeignet ist für die Welt des 21. Jahrhunderts.
Auch wenn der Titel des Buchs in der derzeitigen Krise der EU wie ein schlechter Witz wirkt, so kann es doch selbst überzeugte Euro-Skeptiker dazu verleiten ihre Skepsis noch einmal zu überdenken.
Erstveröffentlichung am 26.7.2005

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