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  • Olaf Wittrock
 
Ein Kult der Tat und der Gewalt

Faschistische Systeme in Europa

1996 startete der Fischer Taschenbuch Verlag das bisher größte Projekt in seiner Verlagsgeschichte. 65 Bände zur "Europäischen Geschichte" werden das Regal füllen, wenn die Reihe in vier Jahren komplett auf dem Markt ist. Den Band "Schulen des Hasses" aus dem ehrgeizigen Projekt stellen wir beispielhaft näher vor.

Schulen des Hasses Wer eine umfassende Sammlung zur Europäischen Geschichte verlegt, kommt um das dunkelste Kapitel der gemeinsamen Vergangenheit nicht herum. Die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts ist geprägt vom Aufkommen faschistischer Systeme auf dem ganzen Kontinent. Die neue Ideologie erlebt im Dritten Reich ihren grausamen Höhepunkt. Wurzeln für das, was der angesehene polnische Historiker Jerzy Borejsza im Dreieck zwischen Faschismus, Nationalsozialismus und Totalitarismus betrachtet, sieht er aber in ganz Europa. Und so versucht er, über den Rand von Einzelfallstudien - meist auf die herausragenden Einzelfälle des Hitler- oder Mussolini-Regimes beschränkt - hinauszuschauen. Sein Blick richtet sich auf den ganzen Kontinent.

Buch-Infos
Jerzy W. Borejsza
Schulen des Hasses.
Faschistische Systeme in Europa.
Fischer Taschenbuch Verlag, 1999,
320 Seiten; 14,45 Mark.

Der Buchtitel gibt Borejszas Antwort auf die Frage nach dem gemeinsamen Nenner, unter dem er das deutsche und italienische ebenso wie das portugiesische Salazar-Regime, die rumänische Schreckensherrschaft unter Zelea Codreanu ebenso wie die kroatische Ustascha-Bewegung, die belgischen rechten Splittergruppen und die spanischen Diktaturen subsumiert: "Die grundlegende Methode der Massenmobilisierung durch faschistische Bewegungen und Regime ist der Hass." Daraus entwickelt er eine bemerkenswert detaillierte Typologie, nach der er die Entwicklung in den Einzelstaaten skizziert. Sein Blick richtet sich immer auf die Methoden und Mechanismen, nach denen die Systeme funktionieren. Oder, in seinen Worten, nach deren "Hauptpfeilern": Terror und Propaganda dienen dem Machterhalt. Dem Faschismus, wie Borejsza ihn sieht, ist vor allem ein Negativprogramm gemeinsam: Antikommunismus, Demokratiefeindlichkeit, Antiparlamentarismus usw.

Neu ist in der Analyse vor allem der Blick über nationalstaatliche Grenzen hinaus. Der Versuch, europäisch zu umschreiben, was auf dem Kontinent vor sich ging, endet allerdings im zweiten, größeren Teil des Buches. Borejsza erklärt und umschreibt dort ausführlich die italienische und deutsche Machtergreifung, dann weniger detailliert - dafür äußerst umfassend - die Bewegungen im Süden, Osten und Westen. Wenn er dabei die besondere Rolle des Militärs betont, wenn er auf Antisemitismus oder den Drang nach staatlicher Unabhängigkeit abhebt, werden mehr Unterschiede deutlich, als in ein gemeinsames Programm passen. Im Einzelfall, dazu liefert das Buch eine Vielzahl von Belegen, endet jede Analogie.

Es bleiben gemeinsame Methoden der Propaganda, es bleiben Terrorsysteme, für die Borejsza eine passende Formel findet: "Der Faschismus ist ein Kult der Tat und der Gewalt." Und es bleibt ein Ausblick, der an Fatalismus kaum zu übertreffen ist. Unter dem Schlusskapitel "Faszination und Vernichtung" konfrontiert der Autor seine Leser mit einer erschreckenden Vision. Für das 20. Jahrhundert hält er das Schlagwort "Jahrhundert des Totalitarismus und der technologischen Revolution" bereit. Und das kommende? Borejsza antwortet mit einer Frage: "Die technologische Revolution hat den Totalitarismen die Vernichtung unserer Welt erleichtert. Wird nach dem Jahr 2000 das Jahrhundert der Vernichtung kommen?"

FAZIT: Selten ist auf kaum mehr als 300 Seiten eine so umfassende Skizze aller faschistischen Systeme Europas in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gelungen. Borejsza lässt keinen Winkel des Kontinents aus. So massiv haben bisher wenige ihren Blick auf die Ausbreitung von Hass und Gewalt konzentriert. Damit leistet der Band aus der Reihe "Europäische Geschichte" einen wichtigen Beitrag für das Mammutprojekt aus dem Fischer-Verlag. Als Nachschlagewerk lohnt die Anschaffung allemal. Für den wissenschaftlichen Ansatz, der das Buch zu einer Studie werden ließe, reicht Borejszas Analyse allerdings kaum. Zu ungenau bleibt dazu leider auch der bibliographische Anhang.

 Erstveröffentlichung am 8.12.1999


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Links ins Internet:

  • Amazon: Jerzy W. Borejsza: Schulen des Hasses. Faschistische Systeme in Europa.
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