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  • Olaf Wittrock
 
Wenn Schweizer zu sehr lieben

Das gemeinsame Haus Europa. Handbuch zur europäischen Kulturgeschichte.

Wie selbstverständlich kommt das Bekenntnis vermeintlich aufgeklärten Menschen über die Lippen. Stolz auf die eigene Nation? "Nein", und diese Urteil eint sie alle, "ich fühle mich als Europäer." Schön und gut, mag mancher denken, endlich die Gemeinsamkeit entdeckt. Doch was ist es, das die Bewohner dieses Kontinents zusammenhält?

Das gemeinsame Haus Europa.

Bei der Antwort kommt man schnell ins Stottern. So mag die Europäische Union wirtschaftlich und rechtlich gelingen, doch an eine Identifikation mit Idealen, kulturellen Gemeinsamkeiten oder gar einer "Identität" wird kaum gedacht. Die "europäische Kultur" hat beste Chancen, als Modewort zur Phrase zu verkommen.

"Das gemeinsame Haus Europa" will Licht bringen in die Dunkelheit, die in dem Bauwerk an vielen Stellen herrscht. Einen Wälzer mit über 1200 Seiten hat das Hamburger Museum für Völkerkunde beim Deutschen Taschenbuch Verlag herausgegeben, ein "Handbuch zur europäischen Kulturgeschichte". Rund 100 Autoren leuchten die unterschiedlichsten Räume des Hauses aus. Denn, so beklagt Mitherausgeber Wolf Köpke, der als Direktor des Museums der größten Europa-Abteilung des Kontinents vorsteht, "den neuzeitlichen Erklärungen dessen, was europäisch sei, mangelt es an Eindeutigkeit."

Buch-Infos
Das gemeinsame Haus Europa.
Handbuch zur europäischen Kulturgeschichte.
Deutscher Taschenbuch Verlag, 1999, 1248 Seiten

Seiner Diagnose folgt ein wahrer Rundumschlag: Von frühen historischen Wurzeln der Staaten und Ethnien geht es über Moral und Rechtsvorstellungen, die gemeinsame Weltanschauung und gesellschaftliche Konventionen bis zu Körpererfahrungen hin zu den Gemeinsamkeiten in Sprache, Schrift und Ausdruck. Detaillierte Artikel widmen sich den Themen "Karneval" oder "Volksmusik". Gemeinsamkeiten entdecken die Autoren in "Symbolen politischer Macht", sie erkunden das "Dorf" in Europa und erklären, was eine "Küche" ausmacht. Auch, warum das "Vier-Säfte-Gleichgewicht" das "ärztliche und heilende Tun" in Europa über Jahrhunderte dominierte, erfährt der interessierte Leser in dem Sammelwerk.

Wer trockne Kost befürchtet, wird schnell eines Besseren belehrt. Da erzählt etwa der Ethnologe Josef-Thomas Göller bei seiner Analyse europäischer Klischees, was man in den Büros der Brüsseler Eurokraten für die "Hölle auf Erden" hält: "Wenn Briten die Chefs sind, Franzosen die Mechaniker, die Deutschen die Polizisten, die Schweizer die Liebhaber und dies alles von den Italienern organisiert wird." Oder wer weiß schon, dass die britischen Redcoats ("Rotröcke") ihren Spitznamen einer mexikanischen Schildlaus zu verdanken haben? Eva König klärt in ihrem Text "Bitter und Süß" über die Importschlager dessen aus, was heute gern als europäisch gilt.

Viele der Texte begnügen sich mit dem Blick auf Einzelphänomene. Die Zusammenführung dieser Stimmen zu einer europäischen "Symphonie", wie sie den Herausgebern vorschwebt, bleibt dem Leser überlassen. Doch die Fülle der Anregungen sorgt schon beim Blättern durch die Seiten dafür, über das Gemeinsame nachzudenken. Gerade darin liegt die Stärke des drei Pfund wiegenden "Handbuches", das die Schwere seines Anliegens schon erahnen lässt, wenn man es in der Hand hält.

Die politisch ambitionierten Texte, die sich um hochaktuelle Fragen wie die Grenzen der Union und die Einbeziehung Russlands oder der Türkei in den Staatenbund Gedanken machen, gehen in der oft historisch oder geographisch gefärbten Rückschau leider fast unter.

Trotzdem: Wer sich fragt, wo denn "Das gemeinsame Haus Europa" steht, bekommt für 48 Mark über einhundert Facetten einer möglichen Antwort geliefert. Und er bekommt ein reich bebildertes Buch, das - viel zu selten für wissenschaftliche Anthologien - ganz schnell zum Schmökern einlädt.

 Erstveröffentlichung am 12.12.1999


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Links ins Internet:

  • Amazon: Das gemeinsame Haus Europa. Handbuch zur europäischen Kulturgeschichte.
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