- Olaf Wittrock.
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EU SERVICE![]() Gemeinsame Vergangenheit = Gemeinsame Zukunft? Mit "Kultur, Identität, Europa" sorgen Reinhold Viehoff und Rien T. Segers für erfrischenden Wind in einer Forschungsdisziplin, die in ihrem generalistischen Ansatz fast einzigartig scheint. Die Idee, kulturelle Zusammengehörigkeit gleichsam aus verschiedenen Stoffen zu einer Einheit zu verbinden, erweist sich dabei nicht nur als notwendig - die Herausgeber widerstehen auch der Versuchung, allzu offensichtlichen Platitüden nachzulaufen, die vor allem die "Trendforschung" in den vergangenen Jahren immer wieder produziert hat. Wenn nämlich, in scheinbar konservativer Haltung, "Kulturforschung" auf dem Programm steht, können sich Philosophen, Historiker, Ethnologen, Literatur- und Sprachwissenschaftler ebenso berufen fühlen wie Psychologen, Anthropologen, Soziologen, Politik- und nicht zuletzt Sozial- und Wirtschaftswissenschaftler. Als seltener Glücksfall darf ein Treffen gelten, bei dem sich so unterschiedliche Forscher zusammenfinden, um sich auf einer Tagung gemeinsam der "Kulturellen Identität in Europa" zu nähern. So geschehen im November 1996 auf einer internationalen Konferenz an der Martin-Luther-Universität in Halle. Nun präsentieren die beiden Organisatoren die Ergebnisse des Treffens in Buchform.
Und aus dem theoretischem Wissen erwächst ganz schnell praktischer Handlungsbedarf. Denn "mit zunehmender, einigender Nähe eines europäischen Bundesstaates", so vermuten die Herausgeber, "wird kulturelle Identität als Thema des je national-spezifischen Zusammenhalts von immer stärkerer Bedeutung sein." Man mag es an sich selbst überprüfen: Wer billigt dem fernen Europa schon mehr zu, als - wie es die Autoren nennen - ein "Wirtschaftsstandort und eine Administrationseinheit" zu sein? Wenn es nicht gelingt, die Menschen auch gefühlsmäßig und wertbezogen an die neue Einheit zu binden, wird das ganze Projekt jenseits der schönen Sonntagsreden in Frage gestellt. Identität ist immer auch Abgrenzung gegen etwas anderes, ist Differenz gegenüber dem Dritten, der nicht dazugehört. Die eigene Identität - oder vielmehr die vielen Identitäten, die das Beziehungsgeflecht von Menschen bilden - muss stets unterscheidbar bleiben. Ein wichtiger Faktor ist dafür die Differenzerfahrung von Kultur. Und die ist - als Programm verstanden - weit mehr als der Genuss beim Besuch einer Pizzeria.
Siegfried J. Schmidt erklärt in dem Band sein programmatisches Motiv: Kultur entsteht nicht schon aus Riten, Kunstwerken oder Symbolen an sich. "Kulturspezifisch ist nicht die Mahlzeit, sondern das Essen; nicht das Auto, sondern das Fahren; nicht die Wohnung, sondern das Wohnen." Und so besteht die Aufgabe zukünftiger Entwicklung eines Europa nicht in der Einebnung aller
Unterschiede, sondern eben in der "Bewertung der Differenzen". Man wird nicht Europäer, weil man es wie alle macht, sondern weil man die Eigenheiten des anderen kennengelernt hat.
Das Taschenbuch ist eine umfassende Reise durch die Aspekte von Kultur und Identität - fast immer verknüpft mit dem Blick auf Europa. Ein Kauf lohnt sich für alle, die auf dem neuesten Stand der Kulturforschung sein wollen.
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