In eigener Sache

Sehr geehrte Leser und Leserinnen

Zehn Jahre haben wir versucht, für Sie einen Pfad durch den EU-Dschungel zu schlagen. Jetzt ist er uns über den Kopf gewachsen und wir stellen das Magazin ein.

Einen Teil unseres Archivs erreichen Sie über den Button "Weiter", die Homepage des Trägervereins europa einfach e. V. über den zweiten Button.

Einen Teil unseres Archivs finden Sie noch online.

Wir hoffen, Sie behalten ihr Interesse an EU-Themen.

Impressum

EU SERVICE

  • Andreas Menn
 
Mythen des postsozialistischen Alltags

Ein Sammelband der Forschungsstelle Osteuropa in Bremen untersucht "Kunst, Kommerz und Unterhaltung" in Zentral- und Osteuropa und liefert spannende Erkenntnisse.

Als der bekannte russische Regisseur Sergej Eisenstein 1944 den ersten Teil seines Historienfilms "Ivan Groznyj" vorlegte, war seine geachtete Filmkunst zum Mittel der Agitation geworden. Sein Film über den Zaren aus dem 16. Jahrhundert strotz vor Idealisierung; eine Ikone soll geschaffen werden, um die Sowjetideologie zu transportieren. Stalin selbst hatte das Projekt lanciert - der Film als Massenmedium sollte effektive Propaganda verbreiten. Massenkultur in der Sowjetunion, das war Kultur von oben gesteuert.

Seit 1990 ist alles anders: Das Sowjetsystem brach auseinander und mit ihm Parteiherrschaft und Kommunismus. Kunst und Kultur gehorchen nun der Logik des Marktes. Was der Westen jahrzehntelang erproben und aufbauen konnte, erhielt der ehemalige Ostblock mit einem Schlag: Eine kapitalistisch organisierte Popularkultur. Die westliche Kulturindustrie ließ nicht lange auf sich warten und brachte mit ihrem Kapital auch ihren Geist in den Osten: Massenweise entstanden neue Fernsehsender, Zeitungen und Verlage. Der Bevölkerung stand eine neue Welt offen, doch die ist nicht immer erschwinglich und auch nicht sofort entschlüsselbar. Es begann ein Prozess des Lernens und Umdenkens, in dem sich auch Sujets und Formate veränderten.

Über den Verlauf und die Auswirkungen dieser Transformation ist noch wenig bekannt. Die Forschungsstelle Osteuropa in Bremen legt nun einen beachtlichen Band vor über "Kommerz, Kunst und Unterhaltung" in Zentral- und Osteuropa. In verschiedenen Fallanalysen beschäftigen sich deutsche und ausländische Autoren mit neuen Phänomen in Literatur, Fernsehen, Film und Reklame und schlagen den Bogen von polnischer Fantasy bis zur russischen Fernsehwerbung. Heraus kommt eine aufschlussreiche und wegweisende Sammlung kulturwissenschaftlicher Studien, die sich sehen lassen kann.

Zeichenreservoir der Gesellschaft

Die Popularkultur werde "zunehmend zum größten gemeinsamen Bilder-, Symbol- und Zeichenreservior der Gesellschaft und zum universellen Referenten", so konstatiert Hartmute Trepper in ihrer Einleitung. Damit einher gehe eine homogenisierende Wirkung: Massenkultur werde nicht mehr am unteren Ende einer Werte- und Geschmacksskala angesiedelt, "sondern als Produkt und Motor von Interaktionsprozessen zwischen verschiedenen kulturellen Positionen begriffen". Pluralisierung und Individualisierung der Gesellschaft machen bestehende kulturelle Normen hinfällig.

An ihre Stelle treten Formate, die für einen Durschnittszuschauer konzipiert sind, oder solche, die sich vielschichtig encodieren lassen und somit sowohl dem oberflächlichen Konsum wie auch der ironisch-medienkritischen Rezeption offen stehen. So beschreibt Alicija Kisielewska das Phänomen des Kultstatus simpel gestrickter polnischer Sitcoms in polnischen Intellektuellenkreisen, die den absurden Witz auf einer ditanzierten Ebene als amüsant aufnehmen. Hier zeigt sich die Stärke der Rezeptionsforschung, die immer mehr in den Mittelpunkt kulturwissenschaftlicher Untersuchungen rückt.

Buch-Infos
Kommerz, Kunst, Unterhaltung
347 Seiten
Herausgeber: Ivo Bock, Wolfgang Schlott, Hartmute Trepper
Edition Temmen
Erscheinungsdatum: Oktober 2002
ISBN: 3861083450
Preis: 20,90 €
Spannend und aufschlussreich zu lesen ist auch die Untersuchung Ivo Bocks zu postmoderner Literatur am Beispiel des tschechischen Bestseller-Autors Michal Vierwegh. Anhand Umberto Ecos Konzept des midcult, einer kulturellen Praxis, die die elitäre Kunst ausbeutet, um eigenen trivialen Botschaften eine ästhetische Aura zu verleihen, gelingt es Bock, Vierweghs Romane aufzuschlüsseln und ihre Funktionsweise zu verdeutlichen. Vierwegh spiele ganz im postmodernen Gestus mit einer Reihe von Stilmitteln, die meistens nicht der Gesamtstruktur des Werks diene, sondern nur als kurzfristiger Effekt, mit dem der Autor vor allem sich selber und seinem Werk huldige. Wenn etwa allen Figuren eine Neigung zu unmotivierten Scherzen eigen sei, spreche eindeutig der Autor und nicht die Figur.

Tschechische Fernsehserien - Spiegel der Transformationserfahrungen

Die Transformationserfahrung spiegelt sich gut in Irena Reifovás Aufsatz zur Geschichte der tschechischen Fernsehserie wider. Die Fernsehserie spielt in der Tschechoslowakei schon seit Ende der 50er Jahre eine große Rolle und genießt breite Popularität. Die Autorin macht verschiedene Epochen der Entwicklung aus, in der sich die Sujets und die Figuren mehrfach wandeln. Diente die Serie anfangs als parteigesteuertes "Denkmal für den kleinen Mann", so entfernten sich die Drehbuchschreiber nach 1968 mehr und mehr von der Wirklichkeit und retteten sich in Schauplätze und Geschichten der Vergangenheit, um insgeheim eine Gegenwelt zur Tristesse des Sozialismus aufzubauen, ohne aber wirklich eine politische Aussage zu treffen. Serien wie "Das Krankenhaus am Rande der Stadt" schreibt die Autorin eine "wichtige psychohygienische Funktion" zu, indem sich die Menschen allwöchentlich aus dem eintönigen, festgelegten Alltag in eine fiktive Welt voller Veränderung und Dynamik stahlen.

Nach 1990 machte sich sowohl eine Welle der Nostalgie, des Rückzugs ins Private und Beschauliche bemerkbar, als auch ein mehr oder weniger kritischer Umgang mit dem kapitalistischen Traum vom schnellen Reichtum. "Je verzeigter und komplizierter die Zivilisaton ist, desto flüchtiger und verdinglichter gestalten sich die zwischenmenschlichen Beziehungen", schreibt Kisielewska. Dies lasse einen anthropologischen Mythos wieder aufleben, der das Bedürfnis nach dem Lokalen und Durchschaubaren, nach einer intensiven und direkten Verständigung enthalte. Das Fernsehritual diene der Scheinbefriedigung dieser Bedürfnisse, und die gegenwärtigen polnischen Fernsehserien wie "Clan", "M wie Liebe", "In guten wie in schlechten Zeiten" und andere seien daraufhin konzipiert. Schon bei Barthes dient die Popularkultur letztlich dem Aufbau einer künstlichen Welt gemeinsamer Mythen, die immer öfter die Realität ersetzen.

Russland - Bunte Werbung, triste Wirklichkeit

Dass die Wirklichkeit meist anders aussieht, verschweigen die Autoren nicht. Besonders in Ekaterina Sal'nikovas Studie über Fernsehwerbung in Russland wird die Kluft zwischen Schein und Sein sehr deutlich. Das verbreitete Credo, dass nur gewinnt, wer wagt, ging an der Lebenswelt des Großteils der Bevölkerung vorbei. "In die kleine und immer noch sehr sowjetische Wohnung brach ein anderes Universum herein, mit vielen unverständlichen und kaum lebensnotwendigen Dingen wie ‚Depositenzertifikaten', ‚Brokerplätzen' und Computer-Großhandelssonderverkäufen. All dies nützte dem Durchschnittsverbraucher, der mit der Inflation und den ständig sich verteuernden Kommunalleistungen konfrontiert war, wenig." Bewusst propagierte die Werbung das Bild des "Neuen Russen" - und musste bald an der Tatsache scheitern, das die materielle Basis für ein aktives, wohlstandsnährendes und selbstbestimmtes Leben den meisten fehlte.

So zeichnen die gesammelten Aufsätze ein facettenreiches Bild von der neuen Popularkultur Osteuropas und ihrer Wechselwirkung mit der politischen und ökonomischen Entwicklung. Die treffende Verwendung vielfältiger semiotischer Methoden und Begriffe steigert in den meisten Fällen den Erkenntniswert der Untersuchungen. Manchen Texte hätten eine deutlichere Fragestellung gut getan, sie gelangen wenig über die Qualität eines essayistschen Streifzugs hinaus. Doch ist es für abschließende Untersuchungen wohl noch zu früh. Somit bietet die vorliegende Sammlung einen insgesamt vorbildlichen Beitrag zu den culturel studies in Osteuropa.

 Erstveröffentlichung am 5.6.2004


Feed back: Kommentar schicken   -   Redaktion honorieren

Druckversion erstellen   -    Artikel verschicken

Links ins Internet:

  • Amazon: Kommerz, Kunst, Unterhaltung
  •