- Sven Prange.
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Um es vorweg zu nehmen: Kenneth Lewans Analyse der Berichterstattung in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung über den palästinensischen Kampf gegen die israelische Besatzung seit 2000 - auch Zweite Intifada genannt - ist ein lesenswertes Buch. Beinahe wäre es sogar ein sehr lesenswertes Buch geworden. Aber dafür verliert sich der Autor im letzten Teil dann doch zu sehr in einseitiger Polemik.
Der renommierte Politikwissenschaftler aus Chicago nimmt sich die Berichterstattung in der FAZ über den israelisch-palästinensischen Konflikt als Rahmen, um innerhalb dessen Struktur, Ursachen und Probleme der israelischen Besatzung und der Reaktion der Palästinenser auf selbige zu analysieren. Dabei hat Lewan sich eine gute Quelle zur Grundlage genommen. Denn kaum ein deutschsprachiges Medium spiegelt die Komplexität und die widersprüchlichen Ansichten über den Nahost-Konflikt so gut wieder, wie die FAZ.
Viele kluge Köpfe
Die Zeitung, hinter der ja laut Eigenwerbung immer ein kluger Kopf steckt, leistet sich in Bezug auf den Nahen Osten derer viele. Und die vertreten fast genauso viele Meinungen. Da sind die Redakteure Wolfgang Günther Lerch, Hans Christian Rößler und Jörg Bremer, die vielfach in der israelischen Besatzung die Ursache für die palästinensische Gewalt sehen. Dann schreiben Redakteure wie Klaus-Dieter Frankenberger, Bader und zahlreiche Gastautoren dagegen den Palästinensern die Schuld an der fortdauernden Gewaltspirale zu.
Kenneth Lewan arbeitet diese verschiedenen Nuancen schön heraus, ohne dabei zu verhehlen, welcher Meinung er sich anschließt. Lewan liegt auf Linie jener, die in der israelischen Besatzungs- und Unterdrückungspolitik die Ursache für die palästinensische Gewalt sehen. Dabei bietet der Professor, der unter anderem in Hagen lehrt, viele wissenswerte Hintergrundinformationen zum Nahostkonflikt generell und den gescheiterten Friedensversuchen seit Oslo.
EU nutzt Handlungsoptionen nicht
Die Interessensverquickungen zwischen der US-Politik und jüdischen Lobby-Verbänden werden eindrucksvoll herausgearbeitet, genauso wie Handlungsoptionen und Versagen der EU bei der Suche nach einer Konfliktlösung. Die EU, so seine These, könnte auf Grund ihrer wirtschaftlichen Bedeutung für Israel sehr viel mehr Druck erzeugen. Insbesondere der deutsche Außenminister Fischer wird scharf kritisiert. Fischer sei keineswegs der viel gerühmte Nahost-Kenner sondern der stärkste Anwalt der israelischen Regierung innerhalb der EU. Überhaupt die Europäer: Aus ihren durchaus vorhandenen Möglichkeiten würden sie keinen Nutzen ziehen, um Israel zum Einlenken zu bewegen. Einleuchtend und in dieser Deutlichkeit auch an anderer Stelle wünschenswert listet Lewan auf, wie die EU und Deutschland eigene Ansprüche ad absurdum führen, indem sie Israel immer wieder erlauben, gegen Völkerrecht und UN-Sicherheitsrats-Beschlüsse zu verstoßen.
Bis zu dieser Stelle bietet das Buch Lewans eine der gelungensten Analysen des Nahost-Konflikts und der Rolle der EU und der USA, die es in letzter Zeit gegeben hat. Aber dann kann sich der Autor nicht davon freimachen, seine recht eindeutige Meinung in mitunter fehl am Platze wirkende Polemik aufgehen zu lassen.
Fehlende Bezüge zum Thema
Etwa wenn der 79-Jährige sich mit den Fragen "Eine deutsche Verpflichtung?" oder "Warum leistet Deutschland derartige Beihilfe?" beschäftigt. Da reichen die Ausführungen plötzlich weit in innerdeutsche Vergangenheitsbewältigungs-Debatten hinein. "Das riesige, im Bau befindliche Denkmal in Berlin wird nicht allen Opfergruppen des Nationalsozialismus gewidmet, sondern nur Juden", kritisiert Lewan. Wo hier der Bezug zur zweiten Intifada ist, bleibt offen.
Genau wie der Schluss, wenn die Deutschen wegen des Dritten Reiches überhaupt jemandem etwas schuldig seien, dann den Palästinensern. Ein bisschen mehr Ausgewogenheit hätte Kenneth Lewan nicht geschadet. Hätte der Professor sein Buch 25 Seiten früher beendet, hätte er eine fast vorbildliche Analyse des Konflikts und der Widersprüche bei dessen Bewertung vorgelegt. So ist es immer noch ein lesenswertes, informatives Buch, vor dessen Lektüre man insbesondere das Vorwort mit eben jenem Goethe-Zitat lesen sollte.
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