- Andreas Menn.
"Spree wurde 1789 geboren, er war Komponist"
Bildung hat viele Konturen - ein Sammelband eröffnet Einblicke in die Hochschullehre in Osteuropa.
Bildung ist in aller Munde, spätestens seit sich die Europäer mit Pisa-Studien gegenseitig über die Schulter schauen und die Leistungszeugnisse ihrer Schüler vergleichen. Während die OECD den Schulen Punkte verteilt, stürzt sich die EU mit dem Bologna-Prozess auf die Hochschulbildung: Einheitliche Abschlüsse, Punktesysteme und Mobilitätsprogramme sollen Bildung in Europa zum Markenprodukt machen.
Bei all dem Aktionismus tut ein Blick in die Praxis gut, ein Pisa für Lehre und Studium, sozusagen. Über das Studium in Spanien, Frankreich oder England ist man in Deutschland gut informiert - was aber wissen wir über die neuen Mitgliedstaaten? Was über Osteuropa? Bislang nicht viel, und darum kommt der Sammelband aus dem Peter Lang-Verlag zur Hochschullehre der Geistes- und Sozialwissenschaften in Osteuropa gerade recht.
Gastlektoren aus Deutschland mit Lehrerfahrungen in Osteuropa kommen hier zu Wort. Obwohl sich die Texte vordergründig an Lehrende richten und Praxisfragen erörtern, vermitteln sie auch dem allgemein interessierten Leser tiefe Einblicke in den Studienalltag von Letten und Georgen, Russen und Polen. Der zentrale Eindruck drängt sich bereits nach dem Lesen der ersten Texte auf: von Einheitlichkeit der Bildungsstandards kann in Osteuropa nicht die Rede sein. Und doch gibt es einige Gemeinsamkeiten.
Frontalunterricht: Bildung vom Katheder
In Kasachstan, um mit einem zentralasiatischen Beispiel zu beginnen (der Begriff Osteuropa sei, so der Herausgeber, für diesen Band absichtlich weit gefasst), dauert die Schule nur 11 Jahre. Daher steht an der Uni zunächst viel Allgemeinbildung auf dem Stundenplan, darunter Sport, Philosophie und "Kulturologie" - Erbstücke der sowjetischen Bildungstradition, wie Cyrus Salimi-Asl in seinem Beitrag schreibt. "In Kasachstan überwiegt ein eher autoritärer Lehrstil", vermerkt der Gastlektor ein wenig resigniert. "Ein Dozent, der die Studenten beim Lernen "lediglich" anleite und führe, anstatt wie ein Automat Wissen auszuspucken, leiste zu wenig", gibt Salimi-Asl die Äußerung einer kasachischen Studentin wieder, "dafür würden die Eltern nicht die Studiengebühren bezahlen."
Kompromissloser Frontalunterricht ist eine Erfahrung, die viele Lektoren in Osteuropa machen. Interaktive Lehrmethoden, die das kreative, eigenständige Denken und Arbeiten fördern, sind vielen Hochschulen völlig fremd. Gastlektoren aus Deutschland mit methodischen Innovationen im Gepäck stoßen oft auf Unverständnis. So ist in vielen Texten auch die Frustration spürbar, die die Autoren im Ausland erfuhren. Zum Beispiel Katja Etzel in Polen, die mit Planspielen mehr Initiative bei den Studenten zu wecken sucht. Oder Silke Erdmann, die mit treffsicherer Ironie über das Fach Landeskunde an kasachischen, ungarischen und ukrainischen Schulen Auskunft gibt, wo auswendig gelernte Referate über Berlin Merkwürdiges ans Licht bringen ("Spree wurde 1789 geboren, er war Komponist").
Buch-Infos
Andreas Umland (Hrsg.)
Geistes- und sozialwissenschaftliche Hochschullehre in Osteuropa
Peter Lang-Verlag
Erscheinungsjahr: 2005
171 Seiten
Preis: 36,80 Euro
ISBN: 3-631-52801-9
Studenten und Schüler in Osteuropa lernen viel auswendig. Doch sei das an deutschen Universitäten oft nicht viel anders, wenn die Studenten nur für die Prüfung pauken, vermerkt ein Beitrag des Bandes skeptisch. Überhaupt halten sich die Autoren nicht mit kritischen Anmerkungen über das eigene Hochschulsystem zurück: "Der Begriff 'deutsche Hochschule' wird vom Großteil der ukrainischen Studenten, die ich unterrichte, synonym für 'Arkadien' benutzt", berichtet Stefanie Stegmann konsterniert. Ihre Kritik am eigenen System zündete bei den ukrainischen Studenten allerdings nicht.
Vorlesung in Jacke und Schal
Das mag auch an den wirtschaftlichen Voraussetzungen liegen.
In Jacken und Schal saßen vierzig Studierende im Oktober 2003 vor mir und bearbeiteten 115 Aufgaben: ein Einstufungstest (...). Die Betesteten senkten ihre Köpfe, kräuselten ihre Stirn und hauchten ihre Hände warm. Der Hörsaal war nicht geheizt. Die Stadt zögerte den Termin bis in den November hinaus; erst dann sollte sich die zentral gesteuerte Wärme den Weg durch die Leitungen suchen.
Was Stefanie Stegmann aus der Ukraine berichtet, macht klar: die Universitäten haben es schwer in Osteuropa, verdammt schwer. Die Stipendien sind rar und niedrig, Studiengebühren hoch und der Verdienst nach dem Studium längst nicht sicher. Da wird Studieren zum Luxus - der mancherorts auch seinen Preis über das Reglement hinaus hat, wie Andreas Goldthau und Oliver Schmitt in ihrem Aufsatz über die grassierende Korruption an russischen Hochschulen vorrechnen.
Dass Bildung in Osteuropa nicht nur Handelsgut, sondern auch Spielball der Politik ist, verdeutlicht Tim Peters in seinem Bericht über ein Wahlbeobachtungsprojekt in Tartastan, das am Widerstand der Behörden scheiterte: die Einreiseerlaubnis für das studentische Beobachterteam der Präsidentenwahlen wurde kurzfristig gestrichen. Wenigstens haben die Studenten dabei eines gelernt, schreibt Peter: "Recht haben und Recht bekommen sind in Russland zwei unterschiedliche Paar Schuhe".
Großer Arbeitseifer
Trotz der unsicheren Zukunftsperspektiven drängt die junge Generation an die Universität, ob in Georgien oder in Lettland. Die Studenten sind beflissen auf gute Noten und breites Wissen, denn Bildung ist ein wichtiger Schlüssel für die berufliche Karriere. "Studenten in Russland studieren richtig", ist denn auch Michaela Klements Eindruck. Währen in Deutschland oft Praktika und Nebenjobs mehr zählten als das Büffeln, bleibe den russischen Studenten bei ihrem Studienpensum kaum Zeit für Nebenbeschäftigungen.
Das hat auch Sigrid Freunek erlebt: "Russische Studenten sind, was den Fleiß betrifft, normalerweise hochgradig motiviert und belastbar." In Deutschland hafte dem Fleißbegriff etwas Spießiges, Unkreatives an. In Russland sei Fleißarbeit dagegen gängige Praxis. Wer im Ausland unterrichte, so Freunek, müsse Ideen und Werte relativieren, sich vom eigenen Bildungssystem distanzieren und einsehen, dass Werte anderswo genauso selbstverständlich seien wie in der eigenen Kultur.
Bildung wird, das wird bei der Lektüre der Texte klar, in osteuropäischen Ländern mit verschiedenen Vorzeichen geschrieben. Die Katheder fußen auf kulturellen und ideologischen Traditionen, die nicht selten freies Denken behindern. Westlicher Hochmut ist jedoch fehl am Platz - sind nicht Länder wie Tschechien und Litauen, die bei der Umstellung auf Master und Bachelor führen? Wenn Bildung zum europäischen Standardprodukt werden soll, tut Dialog Not - der vorliegende Sammelband ist ein guter Start.
Erstveröffentlichung am 17.8.2005

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