- Axel Heyer.
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EU SERVICE![]() Ein neues Buch über die Europäische Union ist umstritten aber hilfreich. Je umfangreicher ein Buch ist, desto größer ist die Neigung, das Vorwort zu überspringen, um gleich in medias res zu gehen. Beim 400 Seiten starken Buch "Raumschiff Brüssel" sollte man das Vorwort dennoch lesen - und gleich hinterher das Nachwort. Denn so erhält man einen guten Einblick in die kritische aber konstruktive Bestandsaufnahme zweier Journalisten, die sich jahrelang in Brüssel mit der Europäischen Union auseinander gesetzt haben. Auf dann 17 Seiten skizzieren Hans-Martin Tillack (stern) und Andreas Oldag (Süddeutsche Zeitung) wie in einem überlangen Leitartikel ein politisches Gebilde, das seit seiner Gründung sehr viel für Wachstum und Stabilität getan habe, das aber auf der anderen Seite von egoistischen Regierungen beschädigt und von einer "ständig wachsenden Bürokratie" in Besitz genommen werde. Für diese EU prägen die Autoren den Begriff "Raumschiff Brüssel" und stellen fest: "Längst hat es abgehoben." Entsprechend endet das Nachwort mit dem Appell: "Bringen wir das Raumschiff Brüssel zur Landung." Eine scharfe Gewürzmischung aus viel schwarzem und weißem Pfeffer Vieles in Vor- und Nachwort ist anregend und trifft die Probleme der EU auf dem Kopf. Auch die These, dass es Europa mehr schadet als nutzt, wenn seine Missstände nicht offen kommuniziert werden. Einverstanden auch, dass Themen, um in der Öffentlichkeit wahrgenommen zu werden, personalisiert oder anderweitig zugespitzt werden dürfen. Aber zwei unscheinbare Formulierungen weisen in diesem Zusammenhang auf die Problematik des Buchs: Zum einen ist verschwörerisch von einem "fest etablierten Brüsseler Machtkartell" die Rede. Zum anderen wird der Appell, darüber mit den Bürgern zu reden, gewürzt mit dem Satz "Dass man ihnen nicht die Wahrheit sagt, trägt mit dazu bei, dass der Funkkontakt zwischen dem Raumschiff Brüssel und der Bodenstation zunehmend gestört ist." Wie hier die Wahrheit rethorisch aufgegriffen wird, offenbart, dass die Autoren für ihren lobenswerten Versuch, das Thema Europa zu popularisieren, eine scharfe Gewürzmischung aus viel schwarzem und weißem Pfeffer bevorzugen. Für wessen Geschmack das zu viel ist, wird mit dem Buch zwischen Vor- und Nachwort wenig Freude haben. Denn um endlich zum gut 360 Seiten und 13 Kapitel starken "Mittelteil" zu kommen: Die konstruktiven Ansätze des Rahmens verblassen in den zahlreichen Fallbeispielen, die Tillack und Oldag zusammengetragen haben, um zu belegen, wie wenig perfekt oder gar wie skandalös die EU-Organe ihre Aufgaben erfüllen. Immer neue Zeugen der Anklage erzeugen beim Leser fast ein Gefühl der Hilflosigkeitt angesichts der Menge an Ungereimtheiten und Fehlfunktionen in der EU. Selbst positive Beschreibungen, wie der Generaldirektion Wettbewerb der EU-Kommission (Seite 91f.), verbinden die Autoren mit einem großen 'Aber'. Viele EU-Profis kritisieren den Buchstil Für viele, die die sich selbst professionell mit der EU beschäftigen, ist der Stil und die inhaltliche Mischung von "Raumschiff Brüssel" schwer annnehmbar. So kritisierte der Brüssel-Insider Jochen Spengeler in seiner Buchkritik für den Deutschlandfunk: "Sie schildern das letzte Jahrzehnt der EU als eine einzige Skandalgeschichte. Keine noch so kleine Affäre wird ausgelassen. Neu ist dabei wenig. Die geschilderten Vorfälle liegen meist Jahre zurück, tauchen im Buch aber wiederholt auf, stellen Bewiesenes neben Behauptetes, Unwichtiges neben Skandalöses und unterscheiden in ihrer moralischen Entrüstung nicht zwischen schlechtem Management und kriminellem Verhalten. Belege bleiben sie meist schuldig."Und Hajo Friedrich schrieb in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung über "Raumschiff Brüssel": "Bei der Lektüre des Buches dürften viele Leser vor allem erfahren, daß in Brüssel alles faul sei - entsprechend weniger über den komplexen und hochgradig verrechtlichten Charakter der Entscheidungsverfahren."Auch wenn diese Kritik der Experten insgesamt zutreffen mag, stellt sich die Frage, ob ihre Perspektive hier nicht zu exklusiv ist. Denn im Gegensatz zu den meisten Büchern über Europapolitik wendet sich "Raumschiff Brüssel" nicht in erster Linie an die Brüssel-Insider sondern sucht Leser, für die Europa nicht Hauptthema sondern ein Interessengebiet ist. Und ist es dann nicht legitim, einen solch panoramischen Ansatz, Funktion und Wesen der EU verständlich zu machen, so zu verfassen, dass die Leser möglichst plastische Eindrücke gewinnen? Selbst wenn nicht jedes Beispiel taufrisch ist? Und ist es nicht sogar besser, sie regen sich dabei auch einmal auf, als dass sie sich überhaupt nicht mit Europapolitik auseinandersetzen? Über diese Fragen kann man streiten, und man sollte dies wahrscheinlich intensiver tun. Die Autoren balancieren auf einem schmalen Grat So lange auf solche Weise gewonnene Aufmerksamkeit nicht derart 'bedient' wird, dass sie fast zwangsläufig zu Politikverdossenheit führt, bin ich dafür. Andreas Oldag und Hans-Martin Tillack balancieren auf einem schmalen Grat, sie gehen mit ihrem Buch das Risiko ein, als Lieferanten für wohlfeiles Europa-Bashing in einen Sack mit Bild-Kolumnisten und Büttenrednern gesteckt zu werden. Aus meiner Sicht schaffen sie die Balance mit Hilfe von Vor- und Nachwort. FAZ-Rezensent Hajo Friedrich fragt in diesem Zusammenhang: "Emotionalisierung, Personalisierung, Skandalisierung [...] Das mag bei Lesern, Hörern und Zuschauern kurzfristig Anklang finden; aber werden sie sich längerfristig beim Thema 'Europa' nicht ermüdet und verärgert abwenden?"Das werden wir erst erfahren, wenn es gelungen ist, ihnen mehr Kenntnisse über die Europäische Union zu vermitteln. In diesem Sinne sind dem Buch durchaus viele Leser zu wünschen. Wer es liest, kann viel über Europa lernen, ohne sich dabei zu langweilen - und wird hoffentlich neugierig auf die weiteren Entwicklungen in Brüssel, auch (um zuguterletzt den Vor-Europäer Adenauer zu zitieren) für das Positive.
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