Bürokratie als Europäisches Kulturphänomen
In der oft gestellten Frage nach einer Europäischen Kultur, die als verbindendes Element zwischen den Nationalstaaten fungieren könnte, liegt die Hoffnung auf ein stärkeres Zusammenwachsen der europäischen Nationalstaaten.
Immer wieder wird die vermeintliche Suche nach einer gemeinsamen kulturellen Identität des Kontinents neu entfacht: die zahlreichen Diskussionen um die Verhandlungen über die Aufnahme der Türkei in die EU sind nur ein Beispiel dafür. Antworten darauf, zumal wenn sie politischer Herkunft sind, blieben bislang meist diffus und tendenziell. Wie es scheint, ist hier eher eine Kulturwissenschaft gefragt, die erklären kann, wie weit welche Gemeinsamkeiten reichen und wo das Trennende schlummert. Wo verlaufen die kulturellen Trends, Entwicklungen und Moden, die im Laufe der Geschichte den Großraum Europa grenzüberschreitend befruchtet oder destruktiv beeinflusst haben?
Die Ursprünge der Bürokratie-Kultur
| Buch-Infos |
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Bernhard Siegert/Joseph Vogl (Hrsg.) Europa. Kultur der Sekretäre Verlag: diaphanes-Verlag Erscheinungsjahr: 2003 256 Seiten Preis: 32,90 Euro ISBN: 3-935300-38-7 |
Der Band "Europa - Kultur der Sekretäre" hat zu dieser Thematik eine besondere, weil monothematische und gleichzeitig mehrdimensionale Antwort parat. Bernhard Siegert und Josef Vogl, beide Professoren der Fakultät Medien der Bauhaus-Universität Weimar, haben als Herausgeber Texte von Experten aus den Bereichen Literatur, Kultur und Medien zusammengetragen. Heraus gekommen ist eine Analyse über die Kultur des Sekretärs, und damit eine Darstellung einer der grundlegendsten gesellschaftlichen Entwicklungen in Europa: die Bürokratie. Der dabei gewählte Ansatz ist deshalb so außergewöhnlich, weil er durch seine Medienhistorizität nicht nur das Feld der Interessenten an diesem Buch erweitert, sondern auch dazu beiträgt, dieser besonderen, aber leider immer noch vernachlässigten Perspektive, zu dem ihr gebührenden Respekt zu verhelfen.
Die Evolution des Schreibtisches
In vier Kapiteln liest man die spannende Geschichte, über die Metamorphose des humanen Sekretärs des Mittelalters zur elektronischen Datenbank der Neuzeit. Die Beiträge gehen überwiegend auf eine Tagung an der Bauhaus-Universität zurück, die 1999 stattfand. Eine europäische Kulturgeschichte wird hier als eine die nationalstaatlichen Grenzen überschreitende und den ganzen Kontinent erfassende mediale Technik-Evolution verstanden. Grundlegende Kulturtechniken werden von Beginn des Schriftzeitalters bis heute erschlossen und erläutert: Lesen und Schreiben (Sekretärspoetik), Techniken von Schreib- oder Lesegeräten (Schreibzeug), Aufzeichnungs- und Reproduktionssysteme (Walten, Verwalten). Und nicht zuletzt wird diskutiert, wie diese Kultur Herrschaft und Macht (Schauplatz der Macht) geprägt hat. Durch die jeweilige Kapitelbezeichung (hier in Klammern) kommt eine sehr sinnvolle Aufteilung zustande.
Dabei handelt es sich, vor allem weil das Thema "Macht" es vielleicht vermuten ließe, nicht um eine kulturkritische Abhandlung: es ist kein Buch über den Bürokratismus, wobei das Büro als geografische Verortung des Sekretärs natürlich schon seine gebührende Rolle einnimmt. Weit mehr als Kritik aber steht die wissenschaftliche Auseinandersetzung im Vordergrund, wobei die Exaktheit der Abhandlungen zur Vorsicht gemahnt: leichte Kost ist das nicht!
Der Kampf aber lohnt sich für denjenigen, der wissen möchte, wie Machtentfaltung und Machtausübung von Herrschaftssystemen vonstatten ging, als es noch keine Nationalstaaten in Europa gab; wo die auch heute noch bemängelte "Volksferne" der Bürokratie ihren Ursprung hat; wie der Schreibtisch in der europäischen Literatur verewigt wurde, oder woher die Partei- und Staatssekretäre ihre Machtfülle haben.
Ein Europa ohne Nationalstaaten
Dadurch wird auf die Frage nach einer europäischen Identität eine relevante Teilantwort gegeben. Nicht zuletzt schneidet das Buch grundlegende Themen unserer heutigen medialen Gesellschaft an und gibt Anstöße zum Nachdenken darüber. So wird etwa gefragt, weshalb "der Televisor in George Orwells Roman 1984, der im totalen Überwachungsstaat gleichzeitig Empfangs- und Sendegerät ist", als aufschreibender und gleichzeitig verlautbarender Sekretär, als moderne "geisterhafte Stimme aus dem Off der Maschinen" anzusehen ist.
Erstveröffentlichung am 9.4.2005

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